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Es kann gar nicht geschehen, dass man durch den Abfluss flutscht, wenn man den Stöpsel aus der Badewanne zieht.

Times mager

Schiss vor Flüchtlingen - nur warum?

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Kann man wirklich nicht durch den Abfluss einer Badewanne flutschen? Das Leben ist voller Ängste und Missverständnisse.

Eine der frühesten erinnerlichen Ängste ist jene, von der Oma den Kopf zwischen die Ohren gesteckt zu kriegen. Sie ähnelte ein wenig der Furcht davor, durchgekitzelt zu werden. Es ging also nicht direkt um Leben und Tod, so viel stand fest, doch wenn die seinerzeit im Familienkreis gängige Drohformel „Ich steck dir gleich den Kopf zwischen die Ohren“ auch durchaus lächelnd vorgetragen wurde, so blieb am Ende eine gewisse Unsicherheit. Wie würde das Leben weitergehen, wie stünde man vor den anderen Kindergartenkindern da – mit dem Kopf zwischen den Ohren, vom einen Tag auf den anderen?

Die Welt ist voller subtiler Bedrohungen, Damoklesschwerter, voller Prozesse, vor denen wir uns fürchten, obwohl wir weit davon entfernt sind, sie in ihrer ganzen Komplexität verstanden zu haben, bzw.: weil. Und nein, das läuft hier nicht schon wieder darauf hinaus, dass eine hasenförmige Insel vor einem Restkontinent davonhoppelt. Keine Angst.

Kopf zwischen den Ohren

Später dämmerte die Erkenntnis, etwa zeitgleich mit der vagen Hoffnung, dass der große böse Wolf unter Umständen doch nicht unterm Bett hervorspringt, sobald eine Erziehungsberechtigte das Licht im Kinderzimmer löscht: Einige der zurechnungsfähigsten Personen, nicht nur Frau Weilbächer und Frau Gärtner, die Nachbarinnen der Oma, auch Leute im Fernsehen, sogar der Bundeskanzler – sie alle hatten bereits die Köpfe zwischen den Ohren. Und kamen augenscheinlich ganz gut klar.

Wie das Beispiel zeigt, leben Menschen oft jahrelang mit Missverständnissen und noch jahrelänger mit Umständen, die intellektuell zu durchdringen sie fahrlässig verabsäumen. Badewannenschnorchler von einst erinnern sich an den Moment, als ihnen klar wurde: Es kann gar nicht geschehen, wovor ich immer Bammel hatte, dass ich durch den Abfluss flutsche (und wer weiß, wohin man dann fluscht!), sollte der Stöpsel gezogen werden, ehe ich die Wanne verlassen habe. Die Erleichterung ist noch heute mit blauen Lippen zu schmecken, mit Schwimmhäuten zu greifen.

Dies im Hinterkopf, erschließt es sich allerdings kaum, warum der erwachsene Mensch offenbar willentlich mit der Zwei-Klassen-Krankenversicherung lebt, wieso er Immobilienhaien bizarre Fantasiemieten bezahlt, weshalb er Fluglärm erträgt, Waldrodung und willkürliche Veränderungen der Zusammensetzung einer Tüte Haribo Tropifrutti – aber vor Flüchtlingen hat er total Schiss. Jeschäftsfreunde, schaut bitte mal, die haben doch auch alle den Kopf zwischen den Ohren.

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