1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Thüringen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stephan Hebel

Kommentare

Es muss nicht immer Brandoberndorf sein. In Jena ist es auch schön. Und nett sind sie hier.
Es muss nicht immer Brandoberndorf sein. In Jena ist es auch schön. Und nett sind sie hier. © Sebastian Kahnert/dpa

Auf den Speisekarten steht kein Hund, stattdessen präsentiert sich Jena als ein Paradies linker Socken.

Der Arbeitsauftrag führte nach Thüringen. Sie erinnern sich vielleicht: „Thüringen Thüringen Thüringen / Ist eines von den schwierigen Bundesländern / Denn es kennt ja keiner außerhalb von Thüringen.“ Als der wunderbare Kabarettist Rainald Grebe diese Behauptungen aufstellte (und ein paar andere, zum Beispiel „Im Thüringer Wald / Da essen sie noch Hunde“), wird er schon seine Gründe gehabt haben, aber wer mal hinfährt, ist hinterher gar nicht mehr so sicher, denn einerseits laufen da ständig Leute herum, die nicht thüringisch reden und sich offensichtlich trotzdem auskennen, und zweitens wirkt vieles auch auf den Fremden vertraut.

Das fängt schon damit an, dass die erste Klasse im Zug (Super-Sparpreis!) exakt genauso viel Verspätung hat wie die zweite, und wer glaubt, das sei nur in Thüringen so, wegen der Gleichmacherei der dort regierenden Linkspartei, ist noch nie in Hessen Eisenbahn gefahren. Der Zug ist übrigens ein Intercity-Express, jedenfalls bis Erfurt, und er fährt in Thüringen kein bisschen langsamer als in Hessen (wenn er fährt, so etwas wird ja heute angezeigt). Der Anschlusszug nach Jena (beziehungsweise der Anschlusszug nach dem verpassten Anschlusszug nach Jena) dieselt genauso von Laterne zu Laterne wie, sagen wir, die Taunusbahn nach Brandoberndorf.

Auf Jenas Speisekarten: kein einziger Hund, nur im Café „Kalter Hund“! Und gehen Sie ruhig mal vom Paradiesbahnhof (wo gibt es so was sonst noch?) ein Stückchen die Saale lang zum Café Paradies, auch wenn Sie dort keinen Arbeitsauftrag haben. Schön!

Der Arbeitsauftrag hatte mit einer Veranstaltung zu tun, die genau hier stattfand, im Café Paradies. Eingeladen hatte die Rosa-Luxemburg-Stiftung, und so durfte, wer die Ehre hatte, dabei zu sein, ein Paradies voller linker Socken erleben. Eine Hessin war auch noch dabei, aber Sie können es ruhig glauben: Die anderen waren fast genauso nett, sogar der rote Minister, der ganz schön linke Sachen sagte, aber das war gar nicht leicht zu merken, er sprach ruhig wie ein Familientherapeut, obwohl er einem ganz anderen Ministerium vorsteht.

Auf dem Weg zum nächsten Biergarten ein Kombi am Straßenrand, reichlich beklebt mit „Antifaschistische Aktion“, „Kein Mensch ist illegal“, „FCK AFD“ und all diesen schönen Sachen. Dazwischen allerdings Biene Maja und noch ein Spruch: „Uns gefällt alles.“

Siehst Du, denken Sie bei sich, so lieb ist in Thüringen sogar der Schwarze Block. Dann sehen Sie das Nummernschild, der Mann, der gerade freundlich lächelnd einsteigt, kommt aus Berlin. Ein Berliner, dem alles gefällt, das ist jetzt wirklich erstaunlich.

Auch interessant

Kommentare