1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Therapie

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Christian Thomas

Kommentare

Die U-Bahn ist ein Verkehrsmittel, ein Nah- und Massenverkehrsmittel, und gewiss auch so etwas wie eine kommunizierende Röhre, der sich kein Mensch verschließen kann.
Die U-Bahn ist ein Verkehrsmittel, ein Nah- und Massenverkehrsmittel, und gewiss auch so etwas wie eine kommunizierende Röhre, der sich kein Mensch verschließen kann. © imago/Jürgen Heinrich

Tagtäglich bestätigt sich diese Erfahrung: Die U-Bahn ist ein ungeheurer Resonanzraum, in dem immer wieder auch telefonische Therapiemaßnahmen vorgenommen werden.

Die Frage ist, ob M. der Schuh passt, denn das ist nicht hundertprozentig ausgemacht, obwohl M. nicht ganz unschuldig ist, wenn sie sich, nein, jetzt soll M. sie einmal ausreden lassen, den Schuh anzieht, also den Vorwurf. Die Sprechende hat da ihre Zweifel, und auch denen kann sich kein Mensch entziehen, nicht den Zweifeln, aber mehr noch als diesen (Zweifeln, man kann es ja nicht häufig genug sagen), hat sie Fragen, die der M. gelten. Ob sie sich wirklich auch klar ausgedrückt habe, ob sie, M.!, also deutlich gesagt habe: nein!

Die U-Bahn ist ein ungeheurer Resonanzraum, und man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass es sich bei M. um Mama handelt, auf jeden Fall laut Resonanzraum. Dass die U-Bahn ihn bietet, ist nicht etwa eine neue Erkenntnis, aber die Erfahrung wird ohne weiteres tagtäglich gemacht, auch wenn der Zeitpunkt gekommen ist, an dem die Person, die nicht in der U-Bahn, sondern im Handy sitzt, das Wort hat und sich Zeit nimmt für ihre Darstellung, die dauert, während die Person (in diesem Fall die Tochter) zur U-Bahn-Waggondecke aufschaut wie in die Weiten der amerikanischen Prärie. Keine Orientierung, die diese Gegend verhieße, nur am Ende, dort wo das Ende des U-Bahn-Waggons fast schon anfängt, leuchtet die Schrift auf, die die nächste Station ankündigt.

Auch die U-Bahn stammt aus der Epoche der Erfindungen, darunter war der Telegraf. Im Grunde ist sie sogar ein wenig älter als das Fernsprechzeitalter, mit dem Rede und Gegenrede zunächst technisch stark geregelt waren, manches mehr Einzug hielt, eines Tages sicherlich auch das erste Therapiegespräch fernmündlich geführt wurde, so dass der Gedanke abwegig ist, erst mit der Einführung des Handys sei die Gelegenheit gekommen, einem Gesprächspartner, der sich nicht im selben Raum befindet, behutsam Hand aufzulegen.

Abwegig scheint aber überhaupt nicht mehr, dass der Mensch, der sich mit einem Handynutzer in ein und demselben Raum befindet, immer wieder Zeuge von Therapiemaßnahmen wird, und die werden erst recht in der U-Bahn nicht etwa auf die lange Bank geschoben. Denn abgesehen davon, dass die U-Bahn ein Verkehrsmittel ist, ein Nah- und Massenverkehrsmittel, so ist sie gewiss auch so etwas wie eine kommunizierende Röhre, der sich kein Mensch verschließen kann. Ganz unabhängig davon, dass er das auch gar nicht möchte.

In diese Röhre arbeitet vor allem das Handy kräftig hinein, wobei es bemerkenswert ist, dass es aus ihm nicht so laut herausschallt, wie in das Gerät auch hineingerufen wird. Immerhin das!

Auch interessant

Kommentare