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In dem Film „Ein Mann wird gejagt“ mit Marlon Brando trinken sich weiße amerikanische Kleinstadtbewohner und -bewohnerinnen am Samstagabend die Hucke voll, sind bewaffnet, grölen, schimpfen, kreischen, bedrohen einen Schwarzen und die ebenfalls einzelne Staatsgewalt.
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In dem Film „Ein Mann wird gejagt“ mit Marlon Brando trinken sich weiße amerikanische Kleinstadtbewohner und -bewohnerinnen am Samstagabend die Hucke voll, sind bewaffnet, grölen, schimpfen, kreischen, bedrohen einen Schwarzen und die ebenfalls einzelne Staatsgewalt.

Times mager

The Chase

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Menschen, die ein Gebäude stürmen, die einen Schwarzen bedrohen und auf Lynchjustiz aus sind? Woher kennt man das bloß?

Zu Jahresbeginn kommt einem wie immer einiges bekannt vor. Die Pandemie ist nicht vorbei, ein neuer Roman von Houllebecq erscheint, interessierte Träumer berechnen die Umstände, unter denen Bayern München nicht Deutscher Meister wird, und draußen pfiff die ganze Nacht der nasse Wind von neulich. Es gibt aber schlimmere Wiedererkennungseffekte. In dem Film „Ein Mann wird gejagt“ zum Beispiel trinken sich weiße amerikanische Kleinstadtbewohner und -bewohnerinnen am Samstagabend die Hucke voll, sind bewaffnet, grölen, schimpfen, kreischen, bedrohen einen Schwarzen und die ebenfalls einzelne Staatsgewalt. Sie haben von der Staatsgewalt insgesamt ohnehin eine unscharfe Vorstellung und können sie in ihrer hochattraktiven Personifikation (Marlon Brando) nicht leiden, weil selbst eine depressive Staatsgewalt tausendmal erfreulicher ist als sie.

Sie formieren sich also zum Mob, gehen auf Lynchjustiz aus, wobei das Wort Lynchjustiz immer noch zu viel Justiz in sich trägt, denn es ist nichts passiert, aber irgendwie wächst die Wut, und die Wut will irgendwohin, und da die einzelne Staatsgewalt den einzelnen Schwarzen mit knapper Not schützen kann und Robert Redford noch erfolgreich auf der Flucht ist, braucht die Wut eine Richtung. Der reichste Mann des Ortes weist ihr den Weg.

Jetzt stürmen einige also die kleine, aber mit einem neoklassizistischen Entree versehene Polizeistation (so dass jetzt noch die Letzten merken, dass sie das zum Jahrestag soeben wieder im Fernsehen gesehen haben), und die Stürmenden sind nicht viele, aber die Polizei ist noch weniger, und die größte Gruppe, die Menschenmenge, schaut interessiert zu, wie Marlon Brando zusammengeschlagen die Treppe herunterfällt und sich wieder aufrappelt, um mit blauem Auge für Recht und Ordnung zu sorgen.

Da es zu diesem Zeitpunkt praktisch nicht mehr auszuhalten ist und noch schlimmer wird – denn da schau her, auch die muntere Rock’n’Roller-Jugend, die sich politisch vermutlich nichts nachsagen lassen würde und keine alten Rechnungen offen hat, zündelt gerne mit –, ist es zunächst eine immense Erleichterung, wenn Marlon Brando wieder die Oberhand gewinnt. Aber gegen die Maßlosigkeit des Bösen kommt er nicht an. „The Chase“ ist von 1966, es gibt berühmtere Filme, bessere. Aber die Hauptsache ist, dass keiner 55 Jahre später zu überrascht tut über die inneramerikanischen Verhältnisse.

Kurios ist die Synchronisation, die die Schwarzen mit leichtem englischen Akzent sprechen lässt. Sie sind die Fremden im eigenen Land. Dass sie für das deutsche Publikum dafür die echten, die amerikanisch klingenden Amerikaner waren: subtil.

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