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Wie lange es wohl dauert, bis ein Schwimmbecken voll ist? Die Mathematiker wissen es.

Times mager

Textaufgabe

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Soll man echt den Schwimmbadstöpsel offen und das Wasser fließen lassen? Nun, im Matheunterricht offenbar schon.

Das Schlimmste waren die Textaufgaben, obwohl sie Wörter enthielten. Aber nun konnte hier beispielsweise Folgendes stehen: Ein leeres Schwimmbecken kann durch die Zuflussleitung in 15 Stunden gefüllt werden. Ist das Becken voll, so dauert es 20 Stunden, um das Wasser wieder ablaufen zu lassen. Das Becken ist leer. Die Besitzerin will es füllen, vergisst jedoch, den Ablauf zu schließen. Wie lange dauert es, bis das Schwimmbecken trotzdem voll ist?

Das ist eine beinharte Situation, vor allem, wenn man im Prinzip an die Mathematik glaubt und sich schämt, weil man selbst die dargebotene Lösung noch für eine Weile nicht versteht. Dazu kommt die Frechheit, so etwas Erfreuliches wie ein Schwimmbecken mit einer dermaßen unangenehmen Aufgabe zu verbinden, und noch dazu Wörter in die Geschichte hineinzuziehen, anstatt einfach ausrechnen zu lassen, was das x von 1:x=1:15–1:20 ist. Wir möchten auch ausdrücklich darauf hinweisen, dass diese Beispielaufgabe aus der Schweiz stammt.

Im vorliegenden Fall hingegen ging die Mutter eine Reihe weiter vorne vor Vorstellungsbeginn noch einmal die zu erwartenden Textaufgaben der Tochter durch.

Die Mutter war fabelhaft aktiv. Sie nannte eine Aufgabe und löste sie nach einer kurzen Pause komplett, rechnete sie nämlich von einem besonders einfachen Zahlenbeispiel ausgehend immer komplizierter durch, bis sie bei Variationen war, die Stellen hinter dem Komma boten. So ging das drei Mal. Dass es hinterher nicht möglich war, die Aufgaben wenigstens ansatzweise zu rekonstruieren, so dass hier auf das Schweizer Beispiel zurückgegriffen werden musste, sagt einiges über die Problematik, die Textaufgaben für Personen haben, die ihnen mit einer außerordentlichen Textaufgabenschwäche gegenüberstehen.

Die Tochter war fabelhaft passiv. Ihr entging zweifellos nicht nur der jeweilige Clou – „jetzt kommt der Clou“, so die Mutter, „man muss nur …“ –, sondern auch die Ironie ihres Pulli-Aufdrucks. Denn hinten auf ihrem Pulli stand (auf Englisch): „Fähigkeit ist das, wozu du in der Lage bist. Motivation bestimmt, was du machst. Einstellung bestimmt, wie gut du es machst.“ Es handelt sich um ein Zitat des American-Football-Trainers Lou Holtz, Mitglied der College Football Hall of Fame und Trump-Anhänger.

Hier verliert man irgendwie das Interesse, obwohl es vielleicht nicht sinnlos wäre, wenn sich die Tochter die Aufschrift abends im Schlafanzug in Ruhe übersetzen würde. Weniger sinnlos, als nach den Rechenaufgaben sechzig Stunden später zum Becken zurückzukehren, den Hahn zuzudrehen und im wieder schwindenden Wasser schnell einige Runden zu drehen. Das ist zum Beispiel völlig sinnlos, wenngleich sportlich.

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