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Von: Judith von Sternburg

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Auch die Wunschzettel der Kinder erhalten oft sehr viel Text.
Auch die Wunschzettel der Kinder erhalten oft sehr viel Text. © Oliver Berg/dpa

„Hänsel und Gretel“, „Stille Nacht, heilige Nacht“, das Gänserezept aus mütterlicher Hand: viel Text wieder an den Weihnachtstagen.

Die Weihnachtstage sind immer auch der Umgang mit Text, Text, Text. Am 23. Dezember staunt man darüber, dass der Vater von Hänsel und Gretel es schafft, genau zu dem Zeitpunkt am Ilsenstein aufzutauchen, als die Kinder gerade alles geklärt haben: die Hexe, also die zauberkundige Person, äh, zu Lebkuchen verbacken, die anderen Kinder aus ihrem komatösen Zustand geholt. Jetzt übernimmt gleichwohl der Vater die Regie und verweist auf den, der noch über ihm steht, den lieben Gott. Die Kinder singen ihm lammfromm nach.

Am 24. Dezember versteht man im Gottesdienst zum allerersten Mal, dass in der Zeile „o wie lacht / Lieb aus deinem göttlichen Mund“ das Wort „Lieb“ kein Adverb ist und es darum sinnlos ist, weitere 50 Jahre darauf zu warten, dass man begreift, was da so lieb aus seinem göttlichen Mund lacht. Das ist allerdings keine Meisterleistung an Textverständnis. Bei gutem Willen könnte man den Fall zu einem Plädoyer für die Verwendung des Apostrophs ausbauen. Theaterkritikerinnen und -kritiker haben im Gottesdienst ferner oft die Schwierigkeit, dass sie automatisch rezensieren anstatt sich zu sammeln, an ihre Sünden zu denken oder sonst etwas zu tun. Einen Gottesdienst zu rezensieren, konterkariert die Idee (der Rezension wie des Gottesdienstes), zumal wenn es sich um einen evangelischen handelt. Der nützliche Hinweis, dass das Gemeindebüro zwischen den Jahren geschlossen ist, wäre auf einer Bühne nicht einmal ein Antiklimax. Na, vielleicht doch.

Am 25. Dezember ist Schluss mit der Unentschlossenheit. Zum Braten der Gans muss „Das neue große Kochbuch“ von 1963 aus dem Schrank genommen werden. Diesmal wurde es aus Recherchegründen nicht nur aufgeschlagen, sondern umgeblättert. Im ersten Satz des Vorworts direkt die „erfahrene Hausfrau“ und der „Berufskoch“. Dann doch nicht weitergelesen. Die Kinder starrten vorne angeekelt auf den Hummer und den Braten (mit Ananasdeko als Gipfel der weltoffenen Küche), hinten etwas weniger angeekelt auf die Schwarzwälderkirschtorte. Benutzt wurde das Buch nie, diente lediglich als Aufbewahrungsort für die handgeschriebenen Rezepte der Mutter. Und ihrer Mutter und deren Mutter, die ihrer Tochter zur Seite stand, wenn der Herr Schwiegersohn sich Sülze wünschte, zum Beispiel. Kompaktes Wissen erfahrener Hausfrauen, und, nein, das war weiß Gott nicht ihr Beruf.

Das Gänserezept ist minimalistisch, seine Lektüre und Befolgung ein magischer Vorgang. Vor allem der entscheidende, nachträglich in anderer Farbe angehängte Hinweis ist wichtig, so wichtig, dass für Kommasetzung keine Zeit bleibt. „Kann bis sie knusprig und fertig ist bis 3-3 1/2 Std. dauern“. Das ist der Satz, mit dem die Mutter ihrem ältesten Kind bis heute durch diesen Tag hilft.

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