Am 06. März vor 165 Jahren wurde "La Traviata" in Venedig uraufgeführt.
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Am 06. März vor 165 Jahren wurde "La Traviata" in Venedig uraufgeführt.

Times mager

Tenor

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Ein geeigneter Dienstag, um intensiv an Tenöre zu denken, ihre Schwächen, ihre Stärken.

Je nachdem, wie man an die italienische Oper herangeführt worden ist, könnte der erste vertraute Tenor zum Beispiel Kalaf gewesen sein. Kalaf empfindet zunächst große Zuneigung zu seinem wiedergefundenen Vater nebst dessen treuer Sklavin, dann großes Mitleid mit einem hinzurichtenden Mann, dann überwältigende Wut auf die Frau, die den Mann hinrichten lassen will, dann überwältigende Liebe für die Frau, die dem Mann das antut. Die letzten drei Empfindungen rollen innerhalb von wenigen Minuten über den armen Tenor hinweg. Dann empfindet er eine ganze Zeit lang diese wirkliche enorme Liebe.

Dann reißt er sich für ein paar Minuten zusammen und löst konzentriert und lautstark drei anspruchsvolle Aufgaben.

Dann empfindet er erneut diese überwältigende Liebe und entwickelt daraufhin eine Schnapsidee. Dann empfindet er erneut eine überwältigende Wut, denn die treue Sklavin seines Vaters ist wegen seiner Schnapsidee gefoltert worden und hat sich wegen seiner Schnapsidee das Leben genommen, und nun ist sein Vater, der arm, alt und blind ist, ganz allein auf der Welt. Aber der Librettist ist dem Tenor gewogen und lässt den Vater still beiseite schaffen. Die Wut des Tenors richtet sich also erneut gegen die Frau, der er am Ende seines Wutanfalls dann aber sagt, was sie wissen wollte (und weswegen die Sklavin gefoltert worden ist und sich umgebracht hat und der arme, alte, blinde Vater nun ganz allein ist auf der Welt).

Obwohl es für den Tenor – das ist selten – gut ausgeht, liefert er intellektuell keine Glanzleistung ab. Dies aber mit göttlichem Gesang. Wie Turridu, der verliebt ist, zu viel Rotwein trinkt und nicht einmal einen Einakter überlebt. Wie Radames, der verliebt ist, patriotische Gefühle hegt und am Ende lebendig eingemauert wird (die Sopranistin ist jedoch noch rasch zu ihm geschlüpft). Wie Manrico, der verliebt ist, Rachegefühle hegt und am Ende hingerichtet wird. Wie Don Carlos, der verliebt ist, revolutionäre Gefühle hegt und am Ende unter seltsamsten Umständen vorerst überlebt (viele Regisseur machen lieber kurzen Prozess). Wie Alfredo, der verliebt ist, aber nicht auf der Höhe der Situation, aber Wutanfälle hat er trotzdem, und in seinem Falle sind sie schändlich. Denn die Frau, die ihn liebt, ist keine Geringere als „La Traviata“. Am 06. März vor 165 Jahren wurde sie in Venedig uraufgeführt. Darum bleibt uns den ganzen Tag lang nicht anderes übrig, als Tenöre zu hören, die „Auf, schlürfet in durstigen Zügen“ singen. Auf Italienisch klingt es niveauvoller.

Tenöre sind Tröpfe, aber leidenschaftlich. Sie fechten, küssen, klettern Leitern hoch. Einige können ein hohes C singen und angeblich sogar ein hohes F. Insofern gilt die alte Faustregel: Dem Tenor ist nichts zu schwor.

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