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Tellerrand

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Von: Lisa Berins

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Ein Eis auf einem Kölner Hochhausdach - Skulptur von Claes Oldenburg.
Ein Eis auf einem Kölner Hochhausdach - Skulptur von Claes Oldenburg. © Horst Galuschka via www.imago-images.de

Blattgold oder Plastik? Wie schmeckt es? Und wie würde so eine große Skulptur von Claes Oldenburg schmecken? Die Kolumne „Times mager“.

Wie schmeckt Essen, das keins ist? Stellen Sie sich vor, Sie beißen tatsächlich rein, in diesen Riesenburger, die Stoffpommes, das überdimensionierte Stück Kuchen, das Claes Oldenburg, der jetzt verstorben ist, uns vor die Nase gesetzt hat. Schmackhaft ist wahrscheinlich anders. Aber wissen wir’s? Wann haben wir das letzte Mal an Stoff genuckelt, an Plastik gelutscht, Beton abgeleckt, Metall verschlungen? Wer sagt uns, dass wir da nicht etwas richtig Gutes verpassen? Und warum sollte es sich nicht lohnen, mal über den Tellerrand hinauszublicken? Irgendwas muss schließlich dran sein, an der Kulinarik des eigentlich Unessbaren.

Warum würde man sich sonst zum Beispiel eine Pizza mit 24-Karat-Blattgold zwischen die Kiemen schieben wollen? Zu haben ist sie in New York, nicht weit weg von der Wall Street, für 2000 US-Dollar. Und eigentlich müssten wir uns noch nicht mal in die Gesellschaft von Investmentbanker:innen in der Mittagspause begeben, um außergewöhnliche geschmacks-materielle Erfahrungen zu machen. Wenn wir etwas weniger anspruchsvoll sind, und uns zum Beispiel die Low-Budget-Version mit Plastik statt Gold ausreicht, kommen wir auch im Alltag voll auf unsere Kosten.

Claes Oldenburg
Der Künstler Claes Oldenburg ist im Alter von 93 Jahren gestorben. © Henning Kaiser/dpa

Es reicht schon, den Fisch oder die Garnelen achtsam zu kauen, um vielleicht das ein oder andere Mikroplastikteilchen bewusst herauszuschmecken. Na, auf den Geschmack gekommen? Dann probieren Sie das: Sommerrollen beim Vietnamesen bestellen und darauf zählen, dass trotz der Styropor-Schachtel, in der sie geliefert werden, zusätzlich Klarsichtfolie um das Reispapier gewickelt ist, um mit ihm eine optisch untrennbare Einheit zu bilden. Dann wissen wir, wie die volle Dröhnung Plastik schmeckt: beim Abbiss zäh und widerstandsfähig, beim Kauen weich und erstaunlich anpassungsfähig, im Abgang neutral.

Das alles würde man von Claes Oldenburgs Plastiken wahrscheinlich nicht behaupten können – obwohl es schwierig wäre, das zu überprüfen. Wegen der Museumsaufsicht zum einen, und zum anderen, weil die Objekte einfach für den menschlichen Zubiss zu groß sind. Sie sind derart aufgedunsen, das Eiscreme-Hörnchen auf fast 3,50 Meter Länge, das Kuchenstück ist fast 3 mal 1,50 mal 1,50 Meter groß, der Burger 2 Meter im Durchmesser, 1,3 Meter in der Höhe. Essen, das aus unserem Bewusstsein hinausgestolpert ist, sich in der Außenwelt aufgebläht hat zu etwas Kolossalem, Übermenschlichem. Als gäbe es nichts Wichtigeres in der Welt.

Wie würde aber nun die Kunst von Claes Oldenburg schmecken? Frech und ironisch, launisch und trotzig, kritisch und vielleicht auch knallsüß. Sie sagen, das sind keine klassischen Geschmacksrichtungen? Stimmt. Aber wir wollten ja kulinarisch dazulernen, oder?

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