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Teilnehmer nicht erreichbar: Ist das Zeitalter des Telefonierens schon vorbei?
Teilnehmer nicht erreichbar: Ist das Zeitalter des Telefonierens schon vorbei? © dpa

Mittlerweile passiert etwas Seltsames. Schon scheint es, als sei auch die Zeit des Telefonierens wieder vorbei. Nicht nur bei Bob Dylan.

Die Tatsache, dass es der Schwedischen Akademie nicht gelungen ist, Bob Dylan an den Telefonhörer zu bekommen, erinnert daran, wie schwierig es generell ist, die Person zu erreichen, die man erreichen will. Und dies in einer Phase der Welt, in der nicht mehr Schiffe sicher das andere Ende des Ozeans erreichen, Karawanen die Wüste durchqueren oder fitte Dauerläufer von Offenbach nach Heusenstamm rennen müssen (letzteres einst durchaus das Mittel der Wahl, wenn es verlässlich und schnell gehen sollte), damit eine Nachricht ihr Ziel erreicht.

Bekanntlich ging die Erfindung des Telefons dem Zeitpunkt voraus, in dem es auch Anwendung fand. Dies hängt offenbar damit zusammen, dass man sich an Erfindungen erst gewöhnen muss. Vielleicht auch damit, dass das Telefon längere Zeit nicht gut funktionierte (wie sich also alles wiederholt, wird mancher sagen). Davon konnten sich die Besucher eines Experimentes von Philipp Reis überzeugen, das in Frankfurt vor einigen Jahren nachgestellt wurde. Unvergessen, wie deutlich man eine Etage höher die geduldige Helferin „O du lieber Augustin“ singen hörte, wohingegen es aus dem Trichter weitgehend rauschte.

Mittlerweile passiert aber etwas Seltsames. Schon scheint es, als sei auch die Zeit des Telefonierens wieder vorbei. Quasselnde Personen im öffentlichen Raum täuschen nur darüber hinweg, wie viele Telefonate längst durch eine (karge, aber mit einem ausdrucksvollen Köpfchen versehene) Textnachricht ersetzt worden sind. Kritiker rufen das Verschwinden der menschlichen Stimme auf den Plan, und bevor man sich zu sehr darüber mokiert, sollte man bedenken, was für herzliche Beziehungen man zu Personen hat, die man noch nie an der Strippe hatte. Sozusagen.

Denn ferner fällt auf, dass die dpa, von der die Wendung im ersten Satz geklaut bzw. durch das schöne dpa-Abonnement der FR mit gutem Recht übernommen wurde, das Wort Telefonhörer enthält. Telefonhörer gehören wie Strippen zu den im privaten Raum aussterbenden Dingen.

Etwas Altmodisches liegt insgesamt über der Situation, in die sich die Schwedische Akademie gebracht hat. Manchmal aber lässt sich das Altmodische nur durch noch Altmodischeres wettmachen. „Per Post habe der Preisträger auch eine Einladung zur Verleihung der Nobelpreise in Stockholm bekommen“, so die dpa. Von der anderen Seite her ist das schwieriger zu beurteilen. Ist es noch cool, verschroben und unabhängig, sich für einen Literaturnobelpreis und schlappe rund 824.000 Euro nicht ans Telefon zu bemühen, oder ist es ungezogen und beknackt? Ungezogen und beknackt.

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