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Teatime

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Von: Sylvia Staude

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Die Vorstellung von Miss Marple hinter einem quietschenden Gartentürchen, prägt das Bild eines englischen Dorfes.
Die Vorstellung von Miss Marple hinter einem quietschenden Gartentürchen, prägt das Bild eines englischen Dorfes. © imago/United Archives

In England, in Yorkshire, ist ein komplettes Dorf zu verkaufen. Gern hätten wir die 20 Millionen Pfund, die es kosten soll.

Zu den Dingen, die der großmütterliche Bücherschrank zu prägen half, eigentlich entscheidend prägte, gehört die Vorstellung eines englischen Dorfes. Ein englisches Dorf war dem Teenager schon bald nicht mehr denkbar ohne Blümchentapeten unter niedrigen Zimmerdecken, Kamine und Teegedecke, zauberhafte Gärten hinter ominös quietschenden Gartentürchen. Ebenfalls nicht denkbar ohne Mord im stolzen Herrenhaus, aber auch keinesfalls ohne eine alte Dame, die die Sache wieder ins Lot brachte, den Mörder durch pure Pfiffigkeit entlarvte, ausgerechnet indem sie so tat, als beobachte sie Vögel.

Jetzt steht ein ganzes englisches Dorf zum Verkauf. Und hätten wir Geld in Panama geparkt, täten wir nichts lieber, als es auszuparken, um endlich und für lediglich 20 Millionen Pfund ein veritables englisches Dorf unser Eigen nennen zu dürfen. Es heißt West Heslerton, ein Name wie von Loriot erdacht, und liegt nahe Scarborough in Yorkshire, einer Grafschaft, die „von Heidelandschaften auf Kalkgestein geprägt“ ist (Wikipedia). Sofort klingt uns die liebreizende Melodie von „Are you going to Scarborough Fair / Parsley, sage, rosemary and thyme“ im Ohr – und wir würden West Heslerton selbst dann nehmen (hätten wir das Geld), wenn da ab und zu ein Mord passierte. Wir würden zu diesem Zweck Personen unserer Abneigung ins Herrenhaus mit den 21 Schlafzimmern einladen.

Denn das erhält man für 20 Millionen Pfund: Ein hochherrschaftliches Gebäude mit 21, nach anderen Angaben 23 Schlafzimmern (da würde es uns auf zwei nicht ankommen). Dazu 43 Häuser und, wichtig, ein Pub, eine Autowerkstätte, ein Sportplatz mit Klubhaus. Dazu rund acht Quadratkilometer Land. Es wundert uns nicht, dass der Makler, ein gewisser Watson (!), bereits von heiß laufenden Telefonen berichtet, seit Medien berichteten.

Mehr als 150 Jahre lang war West Heslerton im Besitz der Familie Dawnay, seine letzte Eigentümerin, Eve Dawnay, soll besonders philanthropisch gewesen sein, dazu unverheiratet und, wie es sich für eine reiche Engländerin gehört, exzentrisch. Darum durfte in West Heslerton nach Versicherung einiger alteingesessener Bewohner, darunter die Schäferin Bridget Elliott, alles immer bleiben, wie es war. Und Mr Watson kann nun das Dorf anpreisen als eines, in dem „die Zeit stillgestanden ist“.

Das lässt uns noch mehr bedauern, dass wir über keine 20 Millionen Pfund verfügen. Denn für nichts würden wir sie lieber ausgeben als für ein Dorf, in dem Miss Jane Marple hinterm quietschenden Gartentürchen steht und zum Tee lädt. Und in dem unsere Oma noch Krimis liest.

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