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Tausendsassa

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Von: Stephan Hebel

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Muss man als Tausendsassa eigentlich alles auf einmal können?
Muss man als Tausendsassa eigentlich alles auf einmal können? © Lino Mirgeler/dpa

Es wäre natürlich sehr gut, alles oder wenigstens vieles zu sein. Aber das ist schwierig.

Sind Sie ein Tausendsassa?“ Kaum war die Frage auf elektronischem Wege eingetroffen, betätigten die Finger wie von selbst die Suchmaschine und gaben „Tausendsassa Putin“ ein. So ist das nämlich heute: Bei jedem Mist (und Mist war es wirklich, was sich hinter der Frage verbarg) muss das Hirn an den Verbrecher in Moskau denken und wenigstens in der virtuellen Welt nach ihm fahnden.

Die Suche ergab schnell, dass es in einer längst (seit etwa drei Wochen) vergangenen Zeit noch möglich schien, sich über den russischen Präsidenten lustig zu machen. Denn die Bilderstrecken, die unter dem Titel „Tausendsassa Putin“ den reitenden, tauchenden, judokämpfenden, angelnden Putin zeigten, den Klickraten des jeweiligen Mediums zum Segen, waren alle irgendwie ironisch gemeint.

Nun aber zu der auf elektronischem Wege eingetroffenen Frage „Sind Sie ein Tausendsassa?“ Sie mistete den Empfänger mit Werbung für eine Hochschule zu, die offensichtlich der Freiheit, dem Frieden und dem Fortschritt unter anderem dadurch dient, dass sie Menschen in Lobbyismus, nein, tschuldigung, „Public Affairs“ ausbildet. „Allrounder, Expert:in, erfahren, dynamisch, Strateg:in, digital-affin, Analyst:in, agil und natürlich Teamplayer mit herausragenden Soft-Skills. Als Public-Affairs-Professional sollen Sie alles sein.“

Echt, really, so schlimm?, wollte das Times mager schon zurückfragen, aber: „Damit Sie sich wirklich verbessern können, holen die Public-Affairs-Kurse … Sie dort ab, wo Sie gerade stehen – ungeachtet absurder Anforderungsprofile, mit Expertise aus der Praxis und immer mit Fokus auf Ihre persönlichen Ziele.“ Und das, halten Sie sich fest, „für verschiedenste Themen des Public-Affairs-Kosmos“.

Kurz denkt der ältere Mensch: Kinder Kinder, wenn ihr wüsstet, wo ich mit meinen Soft-Kills gerade stehe, wenn ich die Sache mal mit Fokus auf den Public-Affairs-Kosmos betrachte. Aber dann bricht sich der Gedanke Bahn, dass die Frage, „wo Sie gerade stehen“, gerade heute so unwichtig auch wieder nicht ist. Und wer stellt sich nicht vor, dass es eine Instanz gäbe, die ihn oder sie vor absurden Anforderungsprofilen bewahrt, in einer Welt, deren Public Affairs von Menschen mit gar nicht soften skills zerbombt zu werden drohen?

Ja, man müsste „alles sein“, um wirklich zu verarbeiten, was alles zur Verarbeitung drängt, und ist als Mensch doch in der Regel nicht mehr als eins. Da kommt die Erinnerung hoch an jenen Fahrstuhl, an dem ein Blatt Papier hing mit der Aufschrift „maximal eine Person“. Ein schönes Bekenntnis zum menschlichen Maximum.

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