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Taten

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Von: Judith von Sternburg

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Und hinter tausend Schubladengriffen eine Welt.
Und hinter tausend Schubladengriffen eine Welt. © Sergejs Nescereckis/Imago

Auch ein Buch in der Schublade ist immerhin ein Buch.

Kürzlich waren mehrere Lektoren und auch eine Lektorin auf einmal anwesend, und das Thema kam darauf, wie hoch der Anteil an Zuarbeit, Textarbeit ist, wie groß kurzum die Anzahl der Sätze in einem Buch sein kann, die nicht von dem Menschen geschrieben worden sind, dessen Name vorne auf dem Titel steht. Unter dem Strich ging die Sache für die unglücklicherweise auch gar nicht vertretene Autorenseite nicht gut aus. Labilität, Faulheit, Schlamperei, Legasthenie, es wurden große Worte aufgefahren, umgekehrt aber kleine Namen. Also jetzt nicht Goethe oder so.

Und man muss auch einmal aus der Lamäng sprechen können und zwar ohne dass es ein paar Tage später in der Zeitung steht. Pardon dafür.

Wäre man jetzt ein bisschen boshaft, könnte man es in zwei Richtungen sein. Denn erstens war es einmal wieder so, dass praktisch die Lektoren und auch die Lektorin (diese übrigens etwas weniger) die Bücher geschrieben hatten, die hier zur Rede standen. Dann fragt man sich immer, warum sie es nicht getan haben. Jedes Buch, auch das Buch, das in der Schublade bleibt, ist doch ein Buch, das nicht nur geschrieben werden wollte, sondern tatsächlich geschrieben worden ist. Die Macht der Tat wird in der geistigen Welt eindeutig unterschätzt.

Apropos: In „Taube und Wildente“ legt Martin Mosebach einer seiner Figuren den Gedankenschlenker in den Kopf, dass auch „geniale Einfälle, die niemals von irgendwem bemerkt worden sind“, dennoch „in der Welt“ seien, „denn eine geistige Tat wirkt auch ohne Publikum, aber eben auf unbestimmbare Weise“. Auf sehr, sehr unbestimmbare Weise. Mosebach wählt einen intelligenten, aber nicht den intelligentesten Menschen in seinem Roman für diese Erkenntnis aus. Umgekehrt lässt sich festhalten: Auch ein nicht-geniales Buch ist ein Buch. Personen können es käuflich erwerben und durchlesen, es an die Wand schmeißen, die Tür damit offen halten etc..

Zweitens und umgekehrt ist es trotzdem interessant darüber nachzudenken, dass ein Buch eventuell nicht das authentischste Produkt der Welt ist. Unter uns gesagt: Das authentischste Buch der Welt dürfte das sein, das in der Schublade liegt. Bereitet das Kummer in einer Herbstsaison, in der das literarische Ich – was nicht heißt, dass man Ich sagen muss – hoch im Kurs steht? Annie Ernaux und Kim de l’Horizon, ein gutes halbes Jahrhundert nacheinander geboren, stehen dafür ein. Mit gut durchgearbeiteten Büchern. Nein, es bereitet keinen Kummer.

Und wieso steht hier, dass Annie Ernaux und Kim de l’Horizon ein gutes halbes Jahrhundert nacheinander geboren worden sind, wenn Kim de l’Horizon als Geburtsjahr 2666 angibt? Jeder Mensch ist mehr als einer.

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