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Tanzwut

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Von: Sandra Danicke

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Ist sie schuld an der Tanzwut? Ein überdimensional großes Modell einer Apulischen Tarantel.
Ist sie schuld an der Tanzwut? Ein überdimensional großes Modell einer Apulischen Tarantel. © Thomas Warnack/dpa

Unkontrolliertes Tanzen ist toll – sofern man nicht von der Tarantel gestochen wurde.

Im Jahre 1518 soll sich in Straßburg ein merkwürdiger Vorfall ereignet haben: Es gab damals, so wird berichtet, eine Frau, die über einen Monat lang unkontrolliert tanzte. Im Laufe der Zeit schlossen sich ihr immer mehr Menschen an, bis am Ende 400 Männer und Frauen von der so genannten Tanzwut befallen waren. Was so frei, fröhlich und anarchistisch klingt, nahm kein gutes Ende. Dutzende der Tänzerinnen und Tänzer starben an Hitzschlag und Erschöpfung. Man fragt sich natürlich: Warum haben die nicht einfach rechtzeitig aufgehört?

Offenbar konnten sie nicht. Waren Drogen im Spiel? Eine ansteckende Krankheit? Oder Massenhypnose? Die genauen Umstände dieses Vorfalls sind bis heute ungeklärt. Allerdings sind eine Reihe von Theorien im Umlauf. Es könnte sich demnach um religiöse Ekstase gehandelt haben, die vermag – soweit man weiß – bei labilen Menschen allerhand anzurichten. Ebenfalls denkbar: Vergiftungserscheinungen durch das im Getreide (vor allem im Roggen) befindliche Mutterkorn. Dabei handelt es sich um einen toxischen Pilz, den man im Mittelalter noch nicht identifiziert hatte. Mutterkorn ist Auslöser für eine Krankheit mit dem teuflischen Namen „Antoniusfeuer“. Die Symptome sind schrecklich und sollen hier nicht näher beschrieben werden. Aber machen Sie sich bitte keine Sorgen, heutzutage wird das Getreide normalerweise gereinigt. Zugegeben: 1985 gab es mal einen Krankheitsfall, der auf verunreinigtes Müsli zurückging. Seither wurde diesbezüglich aber nichts mehr gemeldet.

Eine andere Erklärung für die auch als „Veitstanz“ bekannt gewordene Tanzwut ist der Biss der Schwarzen Witwe, einer Kugelspinne, deren Gift Muskelkrämpfe verursacht, die unbehandelt tagelang anhalten können. Es könne sich, weiteren Spekulationen zufolge, auch um den Biss der Apulischen Tarantel gehandelt haben. Genau weiß man es eben nicht. Interessant sind die damals üblichen Therapiemethoden, zu denen Schwitzkuren, die Behandlung mit Exkrementen und die Ausübung der Tarantella gehörte. Letztere ist bekanntermaßen ein süditalienischer Volkstanz.

Man behandelte also die Tanzwütigen, indem man sie tanzen ließ, damit sie das Gift schneller aus ihren Körpern herausschwitzen konnten. Interessanter Behandlungsansatz.

Immerhin wissen Sie jetzt, woher der Begriff „von der Tarantel gestochen“ für aufbrausendes Verhalten stammt.

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