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Opfern auf dem Altar der Kunst.

Times mager

Tanzspiel

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Tanz & MeToo: Auch beim New York City Ballet soll eine Doppelspitze nun den ramponierten Ruf retten.

Das Bild von der Ballettlehrerin, die einen strengen Dutt trägt und stets ein Stöckchen in der Hand hält, um damit die Position eines Arms, eines Beins, die Schrägneigung des Kopfes, das Heben des Kinns zu dirigieren und korrigieren, ist zwar einerseits ein Klischee, lag andererseits früher nicht außerhalb jeder Wahrscheinlichkeit. Bestimmt hat es auch männliche Lehrer mit Stöckchen gegeben, aber sie könnten doch den direkten Zugriff bevorzugt haben. Finger ans Kinn, denn man tanzt ja nicht mit gesenktem Kopf, auch unschuldige Schwänchen nicht. Hand am Spann, hier kräftig zupackend, um die ideale Wölbung vorzuführen. Hand am Bein, um es zu noch einem Zentimeter mehr an Höhe zu ermutigen. Es? Gemeint ist natürlich der Mensch, dem das Bein gehört.

Für Tänzerinnen und Tänzer gilt wahrscheinlich mehr als für andere Künstler, dass sie sich opfern auf dem Altar ihrer Kunst. (Tänzerverträge müssten einen Warnhinweis tragen: Achtung, dieser Beruf kann Ihre Gesundheit schädigen.) Ihre Kunst wiederum ist – immer noch – oft verbunden mit einem ganz bestimmten, einem bestimmenden Choreografen. Er, fast ein Gott und sich gelegentlich wohl auch so fühlend, muss seine Instrumente für gut und geeignet befinden für den von ihm angestrebten Körper-Klang. Und die Grenze achten zwischen künstlerischer Notwendigkeit und Übergriffigkeit.

Dort, wo lange Jahre George Balanchine über Ballerinas im Gardemaß regierte (und wo gelegentlich von seiner „dunkleren Seite“ vage gemunkelt wurde), am New York City Ballet, möchte man nun eine ganz neue, von #MeToo-Skandalen freie Seite aufschlagen. Dazu gehört, nicht verwunderlich, dass eine Doppelspitze mit den beiden Ex-Tänzern Wendy Whelan und Jonathan Stafford gebildet wurde, dass also einmal mehr eine Frau helfen soll, einen ramponierten Ruf zu reparieren.

Von 1990 bis 2017 hatte der ehemalige Balanchine-Tänzer Peter Martins die Compagnie geleitet, bis ihn, durchaus nicht läppische, Vorwürfe zum Rücktritt veranlassten. Im Magazin „New Yorker“ fragt sich nun dessen Tanzkritikerin Joan Acocella, ob sich in Martins’ Kunst nicht schon immer sein Umgang mit Frauen gespiegelt habe: das Werk als Fingerzeig. Sie beschreibt, unter anderem, sein Duett „Tanzspiel“, in dem der Mann die ihm irgendwie lästige Frau erwürgt und dann mit ihrem leblosen Körper herumtanzt.

In Martins’ Version von „Romeo and Juliet“ gibt Julias Vater seiner Tochter eine durchs Theater schallende Ohrfeige. Nur wenige Wochen nachdem Martins zurückgetreten war, verschwand die Ohrfeige aus den Aufführungen.

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