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Frau A. und die Leute begegnen sich rein zufällig am Rand der einsamen Landstraße.

Times mager

Tag X

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Frau A. auf dem Weg zum Friedhof. Aber schon kilometerweit daran vorbeigestapft.

Kurze Geschichte über das Leben. Niederschmetternde Geschichte über das Leben.

Am Tag X begegnen sich Frau A. und die Leute rein zufällig am Rand der einsamen Landstraße. Die Leute wissen nicht, dass dies Tag X werden wird. Frau A. weiß es auch nicht. Frau A. weiß ja sowieso kaum noch etwas. Frau A. weiß mit Ach und Krach, dass sie Frau A. ist.

Die Leute fahren auf der einsamen Landstraße vom Einkaufen nach Hause. Frau A. kommt ihnen entgegen. Genau genommen stapft sie halb durch den Morast, halb geht sie auf der Fahrbahn, die die Autos mit 80 Sachen berasen. Frau A. sieht nicht so aus, als wäre sie mit sich selbst darüber einig, wohin sie will. Die Leute schauen einander kurz an, als sie an Frau A. vorbeifahren. Dann wenden sie an der nächsten Kreuzung und fahren wieder zurück.

Was ihr Ziel sei, fragen die Leute Frau A. durchs offene Autofenster. Na, zum Friedhof wolle sie, sagt Frau A., ihre Kinder hätten sie zum Friedhof geschickt, wie schon oft, da liege ja ihr Mann begraben, seit mehr als zehn Jahren. Am Friedhof sei sie aber schon kilometerweit vorbeigestapft, sagen die Leute. Auf der anderen Straßenseite befinde er sich obendrein. Ach so, sagt Frau A. Die Einladung, ins Auto einzusteigen, nimmt sie schließlich an.

Und jetzt, wohin?, fragen die Leute. Ja, und jetzt, sagt Frau A. Zum Friedhof? Oder anderswo hin?, fragen die Leute. Friedhof, sagt Frau A. unschlüssig – wo war der denn gleich noch! So oft sei sie schon da gewesen, so oft. Ob es nicht viel besser sei, fragen die Leute, wenn sie Frau A. nach Hause brächten. Eine gute Idee, stimmt Frau A. erleichtert zu. Zum Friedhof könne sie dann ja später immer noch, sagen die Leute. Ach, na sicher, winkt Frau A. ab, das habe ja Zeit! Wo sie denn wohne, fragen die Leute, und wie sie heiße. Ich bin die Frau A., sagt Frau A., da vorne irgendwo, immer geradeaus. Und kurz darauf: Hier muss es sein, hier ist mein Zuhause, hier sind meine Kinder, hier irgendwo.

Auf dem Klingelschild steht A., niemand öffnet, aber Frau A. hat einen Schlüssel, der passt. Die Leute sehen ihr hinterher, wie sie ins Haus geht, und winken zum Abschied. Im Telefonbuch steht die Schwiegertochter von Frau A. Am Telefon sagt sie später, es gebe heute ein großes Familienfest zu organisieren, und da hätten alle gedacht, es sei das Beste, wenn Frau A. so lang zum Friedhof gehe, das habe sie jedenfalls immer noch allein geschafft, bisher. Aber wenn das so sei, sagt die Schwiegertochter von Frau A. leise, dann sei wohl heute der Tag, den alle hätten kommen sehen, dann sei wohl heute der Tag X.

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