Über die zerbrochene Tasse ärgert er sich der Mensch zwar, fühlt sich jedoch zugleich rüstig und intakt. Nicht so beim Anblick eines 50 Jahre alten Tabletts, an dem die Zeit spurlos vorbeigegangen ist.
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Über die zerbrochene Tasse ärgert er sich der Mensch zwar, fühlt sich jedoch zugleich rüstig und intakt. Nicht so beim Anblick eines 50 Jahre alten Tabletts, an dem die Zeit spurlos vorbeigegangen ist. Gemein.

Times mager

Tablett

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Lassen Sie das bloß nicht die Tablett-Hersteller hören: Eines in himmlischem Hellblau und Rabenschwarz genügt völlig.

Auch in einer technologisierten Welt benötigt der Mensch auf den letzten Metern eine Verbreiterung seiner in dieser Hinsicht erbarmungswürdigen Händchen, um Dinge im fußläufigen Bereich von A nach B zu bringen. Man nennt es Tablett, es ist unschlagbar, und schon die private Faustkeilkollektion dürfte auf einem solchen präsentiert worden sein.

Das Tablett im Elternhaus ist rechteckig und hat einen Rand aus dunklem Holz, der eine beschichtete Platte vollständig rahmt, an den kürzeren Seiten wird der Rand etwas schmaler, damit die Hände nicht wehtun. Die Platte ist auf der einen Seite hellblau, auf der anderen schwarz. Man kann sich vorstellen, dass es aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammt, so ist es auch, und zahllos sind die Versuche der Kinder, etwas Moderneres und überhaupt eine Abwechslung zu lancieren. Kreisrund aus Blech und bedruckt mit kleinen Äpfeln, aus Plastik mit Paisleymuster, zu klein und mit weißen Wolken auf blauem Grund, quadratisch aus hellem Holz und selbst bemalt (das war die größte Schnapsidee), knallrot, gestreift, riesig, mit bunten Sternchen, dann noch einmal rund. Denn im Elternhaus freute man sich selbstverständlich liebevoll und servierte auf dem neuen Tablett den Geburtstagskaffee oder das Weihnachtsfrühstück. Aber bald war das Hellblau-Schwarze wieder da.

So wurden wir gemeinsam alt, aber nur am Tablett gingen die Jahre spurlos vorüber. Das Holz wurde anschmiegsamer. Die Platte, auf der mancher heiße Erbsensuppentopf stand, zeigte selbst auf der hellblauen Seite keine Verschleißerscheinungen, Verfärbungen, Risse. Die Beschichtung muss ein Nebenprodukt der bemannten Raumfahrt sein. Vor allem aber zeigte sich, dass das Design des Tabletts unsterblich ist. Auch lässt sich durch die Drehung vom himmlischen Hellblau auf Rabenschwarz und zurück genau die Abwechslung erzielen, die der Mensch zum Beispiel beim Frühstück benötigt.

Selbstverständlich wäre es ein fatales Signal an die Tablettherstellungsindustrie, wenn ab jetzt jeder Haushalt sich nur noch ein einziges, dafür aber vorzügliches Tablett für die nächsten fünfzig und unabsehbar mehr Jahre anschaffen wollte. Wirklich erschreckend aber ist die Langlebigkeit und unverdrossene Tauglichkeit der Dinge. Das fällt viel seltener auf, weil der Mensch nur auf die zerbrochene Tasse starrt und auf den Quirler, der schon wieder futsch ist. Darüber ärgert er sich zwar, fühlt sich jedoch zugleich rüstig und intakt.

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