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Rembrandt als fixer Zeichner, auch des eigenen Gesichts.

Times mager

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Rembrandt zeichnet in einer Kaschemme zwei Tric-Trac-Spieler. Und erfasst eine Sekunde Spiel-, Sex- und Drogensucht auf ewig.

Auch was das Zeichnen angeht, ist er überhaupt nicht zimperlich, auch hier geht er ungeschliffen zu Werke, etwa auf dem Blatt, das er aus der Kaschemme mitbringt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er sagt: Schaut! (Weil er es herumzeigt.)

Im Vordergrund, über einen Tisch gebeugt, zwei Spielende, es geht um Geld, beim Tric-Trac lagen die Münzen auf dem Tisch, das gehörte zur Unterhaltung, zum Zeitvertreib. Zwei Tric-Trac-Spieler zeichnet er so. Die Stirn mit der Hand stützend, als wollte der eine Spieler sagen, Sie mal an, beschaut er sich, wie sein Gegenüber, ein Mann mit einer vor Eifer und Geldgeilheit spitzen Nase, nach einem Geldstück greift (übergriffig). Mit dem gesamten Oberkörper hat der sich, während der sich Zurückhaltende auf einem Stuhl verkrampft, über der Tischplatte ausgebreitet. Anmaßende Körperhoheit über dem Spieltisch. Dahinter, im linken Bildhintergrund, macht sich ein Mann über eine Frau her, die sich wehrt, im Handgemenge scheint ein Messer im Spiel.

Tumult und Pfeifenraucher

Bei dem Opfer oder bei dem ebenfalls Übergriffigen? Beim Gekrakel Rembrandts ist das nicht eindeutig auszumachen. Auf der anderen Seite ist es ein trotz des Tumults hinter seiner rechten Schulter in aller Seelenruhe seine Pfeife schmauchender Mann.

War die realistische Zeichnung nun ein dramatisches Blatt – oder ein satirisches? Eine die Zeitgenossen bestürzende oder befriedigende Darstellung? Ist es heute ein Blatt, das Spielsucht und Sexsucht und Drogensucht moralisch zeigt? Oder kulturhistorisch interessant?

„Tric-Trac-Spieler, Liebespaar und Pfeifenraucher“ heißt das Blatt offiziell, es entstand 1635, und sein Naturalismus ist auch deswegen beachtet worden, weil der Zeichner Rembrandt den Augenblick wie eine flüchtig erlebte Sekunde festzuhalten wusste. Die sich gegen die Umwelt abschottende Leidenschaft der Spielenden, die brutale Leidenschaft des Mannes und die sich leidenschaftlich erwehrende Frau. Die kontemplative Leidenschaft des Rauchers. Wäre ja noch schöner, war sich Rembrandt definitiv sicher, wenn er es, wie es Tradition war, bei Umrisslinien belassen hätte. Wäre schön, aber unwahr, denn sonst wäre die Szene nicht entstanden durch Gekrakel und Gewusel, mit den dicken Strichen einer Rohrfeder wurde ein Gewebe daraus. Gezeichnete Figuren in Umrisslinien täuschend echt zu modellieren, war das Eine.

Rembrandt aber bringt aus der Kneipe ein Blatt mit, das eine dreifach unterschiedliche Geistesabwesenheit begreifbar macht, haptisch fassbar. Das Gewebe erregter Striche ist Gierigen auf den Leib geschrieben.

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