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Substanz

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Von: Stephan Hebel

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Stammgast S. erzählt, vor einigen Jahren sei die Abhebung seines Flugzeuges am Fall von Schnee gescheitert.
Stammgast S. erzählt, vor einigen Jahren sei die Abhebung seines Flugzeuges am Fall von Schnee gescheitert. © rtr

Ist das Substantivieren eine Kompetenz - oder doch eher ein Fluch?

Im Radio hatte jemand gesagt, der Schluss eines Vertrages habe einen langjährigen Konflikt beendet, und Stammgast S. konnte nicht umhin zu fragen, ob die beteiligten Parteien den Vertrag nicht von Anfang an bis zum Ende hätten lesen können.

Von da an war im Kaffeehaus kein Halten mehr. Ja, der Tischnachbar des Stammgastes S. verlor fast die Haltung, als Stammgast S. noch hinzufügte: Wenn die Konfliktparteien gleich bis zum Schluss des Vertrages gelesen hätten, wäre es sicher früher zur Einstellung der Kampfhandlungen gekommen.

Wenn ihm jemand das Rätsel des Wortes „Einstellung“ lösen könne, vernünftelte der Tischnachbar, sei er zur Ausgabe einer Runde bereit, so dass es zur gemeinsamen Erhebung eines Glases Wein kommen könne.

Allerdings, fügte der Tischnachbar gleich hinzu: Das Wort „Einstellung“, so jedenfalls seine persönliche Einstellung zum Thema, gelte grundlos sowohl für die Einstellung seines Telefons als auch seines neuen Kollegen als auch des Gesprächs, das er in der Tat für sinnlos halte, so dass es aller Voraussicht nach nicht zur Verausgabung des Glases Wein durch ihn an die Tischrunde kommen werde.

Die fand tatsächlich nicht statt, aber die Einstellung des Gesprächs scheiterte ebenfalls, da Stammgast S. erzählte, vor einigen Jahren sei die Abhebung seines Flugzeuges am Fall von Schnee gescheitert, worauf der Tischnachbar, neu motiviert, entgegnete, in diesem Fall müsse es wohl „am Fallen von Schnee“ heißen, aber auch darüber gab es keinen Konsens.

Stammgast S. murmelte nur, dieses Hin und Her veranlasse ihn zur Schöpfung des Verdachts, dass die Substantivierung,respektive das Substantivieren,nicht zu den substanziellen Kompetenzen der Kaffeehaus-Gemeinschaft gehöre.

Vielleicht, scherzte wiederum der Tischnachbar, könne man dieser Bildungslücke durch die Bildung eines Stuhlkreises Abhilfe schaffen, in dem die Gäste abwechselnd mit der Stellung einschlägiger Fragen beauftragt würden, nach deren Beantwortung dann in solidarischem Gruppenhandeln gesucht werden könnte.

„Eine Versuchung wäre es wert“, entgegnete Stammgast S., regte aber zugleich an, die Bedenken zu bedenken, deren Erhebung von der Wirtschaft zu erwarten sei, was die Umstellung bzw. das Verrücktwerden der Kaffeehausmöbel betreffe.

So näherte sich der späte Nachmittag der Ausrufung des Feierabends durch die Wirtschaft, und der Tischnachbar bemerkte, die Zeit seines Heimgangs sei ohnehin gekommen, da er versprochen habe, den Kindern durch eine Vorlesung in den Schlaf zu helfen.

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