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Stunde Null

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Von: Christian Thomas

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Ilse Aichinger wurde 95 Jahre alt. Das Foto zeigt die österrechische Schriftstellerin im Jahr 1991.
Ilse Aichinger wurde 95 Jahre alt. Das Foto zeigt die österrechische Schriftstellerin im Jahr 1991. © dpa

Zum Abschied von einer Großen: Ein Wochenende mit Ilse Aichingers Erzählungen.

Nichts blieb, nichts anderes übrig, als die Toten heimzuschicken. Was man ihnen dabei mitgeben konnte, zählte zum allenfalls leichten Gepäck. So wurden sie begleitet von Worten. Ein Wort lautete Engel, ein anderes Himmel, ein weiteres, obwohl es eher vermieden wurde, Ich. Gerade die Worte, die vermieden wurden, hingen an verdammten Hoffnungen, die noch im Mund erstarben.

Ilse Aichinger ist tot, sie starb am Freitag (siehe Nachruf vom 12. November). Wie Selbstgespräche von Verdammten lasen sich am Freitagabend die Geschichten, die sie 1952, im darauffolgenden Jahr erweitert unter dem Titel „Der Gefesselte“, veröffentlichte. Manche Erzählung darin hat Schulbuchgeschichte geschrieben, darunter „Die Spiegelgeschichte“. Nicht nur sie ist eine Rarität geblieben, in deren Vexierbildern man sich auf Dauer nicht mehr auskennen sollte, bis heute. Geburt und Tod fielen in dieser Geschichte zusammen wie in einer Stunde Null.

Oberstufenwissen ließ sich zum Thema transzendentale Verstörung prüfen. Eingesponnen in ein Bewusstseinsstromdickicht und eine Verlorenheit der Monologe sind Verunsicherung und Verstörung nicht mehr von der Seite gewichen seitdem.

Im Diesseits der Aichinger-Geschichten herrschte ein Dunkel, aus dem Jenseits aber drang der Hoffnungsschimmer als unsteter Fluchtpunkt. Es kam darüber dazu, dass Engel am Himmel ausgemacht werden konnten, zunächst als eine Spur Silber. Auch war ein Brausen in der Luft, wie hinreißend. Doch der Engel, der dem Mädchen erschien, war am Ende ein Wesen, dem man, wie schon seit Jahrtausenden, nicht ins Gesicht schauen durfte. Glühende Desillusion war das Nachkriegsprogramm der Trümmerliteraten. Die nicht ausglühende Desillusion wurde Ilse Aichinger nichts als Seinsgewissheit.

Licht, Helle, Unschuld verwiesen auf das andere einer anderen Welt. Das Wort „Krieg“ selbst tauchte auf knapp hundert Seiten nur zwei, drei Mal auf. Dennoch, Ilse Aichingers Geschichten sind ein Aufenthaltsraum des Krieges und seiner Toten geblieben. Bei ihr wurde dieser Raum zu einer Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit. Diese Schwelle blieb für Ilse Aichinger der schmale Grat zwischen Realismus und Magischem – auf dass „die seltsamen Dinge seltsam bleiben“.

Am Wochenende noch einmal die Wiederbegegnung mit einem träumerischen Erzählen aus der „Erfahrung des nahen Todes“. Der Spielraum der Aichinger-Magien war ein Avantgardebewusstsein, das ein junges Mädchen sagen lässt: „Aber der Himmel war kein Himmel mehr, der Himmel war nur Luft.“

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