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Studienreise

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Von: Lisa Berins

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Mark Zuckerbergs Avatar preist das Metaverse an. Bevor der Meta-Chef uns auf Reisen in die Vergangenheit mitnehmen kann, gibt‘s aber noch einiges zu tun.
Mark Zuckerbergs Avatar preist das Metaverse an. Bevor der Meta-Chef uns auf Reisen in die Vergangenheit mitnehmen kann, gibt‘s aber noch einiges zu tun. © Imago

Das Metaverse und seine Versprechungen: Wenn wir uns via Metaverse erst einmal in der Vergangenheit rumtreiben können.

Mark Zuckerberg schickt eine Gruppe „Students“ in die Antike. Rein virtuell, aber wir schauen kurz vor der Tagesschau in einem Werbevideo dabei zu. Die Gruppe schlendert auf ein antikes, weißes Gebäude mit kolossalen Säulen zu, das in einem dramatischen Licht hell leuchtet und auf dessen Stufen ein paar Männer in römischer Toga debattieren – einer von ihnen sei Marcus Antonius, erklärt die Erzählstimme. Im Metaversum also, da trifft man den alten Konsul aus Rom, ist dabei, wenn Geschichte geschrieben wird. Wahnsinn. Wer sich da sonst noch so rumtreibt, und wo man zu Lernzwecken überall hinreisen kann?

Kleine Studienreise in die Renaissance vielleicht; dort würde man gerne der Malerin Sofonisba Anguissola über die Schulter schauen, man könnte sich auf legendären Konzerten rumtreiben oder ... an einem Nachmittag mit Jean-Michel Basquiat in den 80ern durch New York streifen, kurz mal in Paris im Café de Flore vorbeischauen, Mitte der 40er; wer da wohl alles abhängt? ... Man könnte viel Neues lernen, einfach dadurch, dass man live dabei ist.

Man könnte. Man kann aber noch nicht (die Werbung fürs Metaverse ist eine Werbung für eine Vision, mehr nicht). Aber bald wären Reisen in eine digital erschaffene Vergangenheit möglich. Es sei zum Greifen nah, versprechen die Metaverse-Leute. Allerdings: erstmal müsste es ein paar „Fortschritte“ geben, die „noch auf sich warten lassen“. Unkomplizierte und nicht allzu teure Augmented-Reality-Brillen zum Beispiel. Fotorealistische Avatare, die – wow! - Beine bekommen sollen, gut programmierte Optiken, interessierte Nutzer:innen. Zuckerberg selbst hat sich gerade erst mit einem Selfie aus seinem Metaversum blamiert, auf dem er aussah wie eine Figur in einem Kinder-Bilderbuch.

Und dann gäbe es auch noch die ein oder andere kritische, inhaltliche Frage: Sah Marcus Antonius wirklich so aus, wie er im Metaversum rumläuft? Klang seine Stimme wirklich so, gestikulierte er so? Und die Antike: war die nicht farbig – und nicht weiß, wie im Werbevideo zu sehen? Gibt es nicht überhaupt mehrere Versionen davon, was in der Vergangenheit wie genau geschehen ist? Welche davon soll uns in der „zum Greifen nahen Zukunft“ im Metaversum präsentiert werden? Oder reicht es aus, wenn kreative Programmierer:innen den Bildungsreisenden fantastische Fake-Vergangenheiten präsentieren?

Dann holt uns die Tagesschau ins Hier und Jetzt zurück. Wenn das Metaversum in dieser ohnehin vertrackten Welt zusätzlich Verwirrung mit Fake-Vergangenheiten stiften will, wie wäre es wenigstens mit einer ganz, ganz leicht zum Positiven manipulierten, schöneren, faireren, friedlicheren Version?

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