+
Das Paradebeispiel für Strukturwandel: Der Bergbau.+

Times mager

Struktur

  • schließen

Vom Strukturwandel wird viel geredet, besonders in Bergbau-Gegenden.

Strukturwandel, der. Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert ihn als „die mit der marktwirtschaftlichen Dynamik verbundenen, mehr oder weniger stetigen Veränderungen der wertmäßigen Beiträge der einzelnen Wirtschaftszweige und Wirtschaftssektoren zum Sozialprodukt“.

Um es besser zu verstehen, hier ein historisches Beispiel. Seit den 1880er Jahren wurde der Bergbau stark modernisiert, jedenfalls galt das für Maschinen und Management. Für den Menschen unter Tage galt das weiterhin nicht. Die Modernisierung beschränkte sich weitgehend auf die Arbeit über Tage. Bergbauassessoren waren in den Bergbauschulen ausgebildet worden, sie kamen mit neuen Erkenntnissen auf die Zechen, schauten mit frischem Blick in die Bücher. Aus dem, was diese sagten, ergab sich eine neue Betriebsführung. Der Manager bekam auch auf der Zeche das Sagen, zugleich interessierten sich Chemiker für die schmutzige Arbeit, zogen aus den Abfall- und Nebenprodukten der Kohle chemische Substanzen, die wiederum das Management vermarktete.

Trotz dieses Modernisierungsschubs über Tage blieb die Arbeit unter Tage Maloche, abhängig von Muskelkraft und Handarbeit – nicht zuletzt Erfahrung. Auch deswegen bedeutete der Boom, der Expansionsschub seit den 1880er Jahren zusätzlich Stress, sahen sich doch die älteren Bergleute mit vollkommen unerfahrenen Arbeitskräften konfrontiert, Bauern, Schustern, Schneidern. Gut, Bauern konnten ordentlich zupacken. Aber auch Schneiderhände? Mit solchen Bewerbern waren die Bergämter und die Zechenbürokratie überhaupt nicht zufrieden, geschweige denn einverstanden. Sie zeigten sich besorgt über die Voraussetzungen und individuellen Fähigkeiten zum Bergmannsberuf.

Man mag darüber heute lächeln – tatsächlich deutet sich in diesem Detail das Drama eines Strukturwandels an. Der Bergbau hat es vorgemacht, auch diese Form dynamischer Veränderungen unter wirtschaftlichem Druck vorweggenommen. Druck erzeugt strukturell Dynamik, Dynamik wiederum strukturell Druck. Für den Wandel hieß das: Der ausgebildete Schuster musste sich nach einer anderen Arbeit umsehen. Handwerker sahen, weil sie keine Zukunft mehr hatten, keine Zukunft in ihren Berufen mehr. Umsatteln! Das Schneiderlein verdingte sich als Bergarbeiter. Für den Bergbau war es eine Boomzeit. Wer sich meldete und zwei Arme hatte, wurde genommen.

„Struktur (lat.), allgemein: spezif. Aufbau, Gefüge eines gegliederten Ganzen, bei dem jeder Teil eine bestimmte Funktion erfüllt, die nur vom Ganzen her verständlich ist“ (aus: Der Brockhaus in drei Bänden).

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion