+
Chuck Finley soll 2361 Bücher ausgeliehen haben? Ein Pitcher, der (laut Wikipedia) mit einer der Mannschaften, für die er spielte, 165 Siege, 2675 Innings und 2151 Strikeouts zeitlich unterzubringen hatte?

Times mager

Strikeout

  • schließen

Wenn Täter übermütig werden, machen sie Fehler. Gut für fiktionale und reale Kommissare, schlecht für die Bücher in der East-Lake-Bücherei in Florida.

Frustrierten Fernsehkommissaren (immer noch kein Durchbruch bei Minute 78!) legen Drehbuchautoren gern mal in den Mund: „Irgendwann muss er doch mal einen Fehler machen!“ Der Fehler kommt nach gängiger TV-Krimi-Dramaturgie postwendend: Der Täter niest auf sein Opfer und hinterlässt DNA; der Täter sucht sich das falsche Opfer aus, dieses kann fliehen und eine passable Beschreibung abgeben; der Täter wird übermütig und wirft seine Handschuhe in den nächsten Müllkorb – schwerer Ausnahmefehler, denn sollte er nicht wissen, dass die Polizei alle Müllkörbe in Tatortnähe durchkämmen wird bis aufs letzte Haar?

Einen schweren Ausnahmefehler anderer Art haben zwei Bibliothekare der East-Lake-Bücherei in Florida gemacht, dabei haben sie es doch nur gut gemeint.

Zu ihrer Tat getrieben wurden sie durch ein System, das – handelte es sich bei den Betroffenen um Nebelparder, Nashorn, Sibirischen Tiger, Zwergseeschwalbe oder auch Turteltaube – altmodische Empörung und neumodische Shitstorms auslösen würde: Bücher, die eine ganze Weile nicht ausgeliehen werden, werden automatisch aussortiert und entsorgt. Das wäre ein bisschen, als würde man Tierarten ausrotten, die nicht regelmäßig von irgendjemandem vermisst werden. Tut uns leid, Maulwurfsgrille, keine Nachfrage! Sorry, Steinschmätzer, die Leute wissen ja nicht mal mehr, wie du heißt und aussiehst. Hasta la vista, Braunfleckige Beißschrecke, hast dir leider den falschen Name ausgesucht.

In der East-Lake-Bücherei war unter den stark gefährdeten Arten etwa John Steinbecks „Straße der Ölsardinen“ (hören Sie sich nur an, wie es Ulrich Matthes liest) oder Ann Fullicks Jugend-Sachbuch „Warum knackt es in meinen Ohren?“ Auch ein wichtiges Thema.

Die beiden Bibliothekare erfanden also Nutzer – inklusive falscher Anschrift und falschem Führerschein –, die fortan Bücher ausliehen, reihenweise. Auf die Schliche kam man ihnen erst, als sie den Namen eines bekannten Baseball-Spielers verwendeten, Chuck Finley, und ihn nach und nach insgesamt 2361 Bücher ausleihen ließen. Manche gab der schnelle Chuck nach einer Stunde schon wieder zurück.

Nun werden Sie an dieser Stelle kein böses Wort über Sportler lesen. Selbstverständlich beherrschen auch Sportler diese wichtige Kulturtechnik. Aber 2361 Bücher? Für einen Pitcher, der (laut Wikipedia) mit einer der Mannschaften, für die er spielte, 165 Siege, 2675 Innings und 2151 Strikeouts zeitlich unterzubringen hatte? Das ist ein Fall von Tätern, die übermütig werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion