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Stricken

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Im Handarbeitsunterricht in der Grundschule wurden Topflappen gehäkelt. Schon damals eine antiquierte Angelegenheit.
Im Handarbeitsunterricht in der Grundschule wurden Topflappen gehäkelt. Schon damals eine antiquierte Angelegenheit. © imago

Auch 14-jährige Jungen können möglicherweise besser stricken als unsereiner einst im Handarbeitsunterricht.

Folgendes berichtet die Frau beim Friseur: Ihr Sohn (14) strickt so gerne, und er strickt auch gut. In der Garderobe des Salons hängt sein Weihnachtsgeschenk und wird nun eigens herbeigetragen, ein ausgesprochen langer und dicker Schal. Sie freue sich einerseits darüber, sagt die Frau, andererseits beunruhige es sie auch. Sie lächelt verlegen, und alle starren sie an, denn was will sie damit sagen? Dass es nicht normal ist, wenn ein Junge (14) gerne strickt? Die Umsitzenden reagieren unterschiedlich. Sie könne das schon irgendwie verstehen, sagt eine, sie finde das aber total toll, sagt sofort eine andere Frau. Vielleicht im Zuge einer Übersprunghandlung bringt die dritte das Thema auf die Farbe des Schals. Lila? Flieder? Mauve. Die Frau weiß das von ihrem Sohn. Mauve gehört zu den Farben, deren Namen nicht jeder Mensch ohne weiteres zur Hand hat. „Ihr Sohn scheint ein außerordentlicher Junge zu sein“, dieser Satz fällt nun, und alle nicken.

Die Kundin stellt sich vor, sie hätte einen Sohn, der ihr zu Weihnachten einen ausgesprochen langen und dicken mauvefarbenen Schal schenkt, und merkt, dass das eine überraschend schöne Vorstellung ist.

Jetzt sagt der Friseur, dass auch er als Junge gerne gestrickt habe. Jetzt geht es ins technische Detail, Socken, Norweger, Patent. Wer nicht mehr mitreden kann, hängt seinen Gedanken nach.

Schon damals war der Handarbeitsunterricht in der Grundschule, vermutlich der letzten in der Stadt, die das in dieser Form im Lehrplan hatte, eine antiquierte Angelegenheit. Es wurden 1. zwei Topflappen gehäkelt – die im Elternhaus immer noch in Benutzung sind, vier insgesamt, weil die Schwester auch zwei häkeln musste. Das Häkeln übernahm weitestgehend die Mutter, im Unterricht selbst galt es, möglichst schadensfrei am Lappen zu murkeln. Es wurde 2. ein Turnbeutel mit Kreuzstich bestickt. Das ging ganz gut. Das Nähen übernahm die Mutter. Es wurde 3. ein Einkaufsnetz aus Luftmaschen gehäkelt. Es ergab sich dabei das Problem, dass nur Gegenstände von einer Größe ab circa 20 Zentimeter nicht durch die Maschen fielen. Die Mutter schlug während der Reparatur der dabei gebrochenen Polizeiautoachse vor, den Fußball darin unterzubringen, und so geschah es. Es wurde 4. ein Teddybär gestrickt. Das war ein Spaß. Die Mutter zeigte einem, wie man strickt, weil in der Schule Fragen offen geblieben waren, vor allem die Frage, wie man strickt.

Die Jungen der Klasse hatten während des Handarbeitsunterrichts Werken. Sie sollten Laubsägearbeiten herstellen, aber das funktionierte offenbar noch schlechter. Die Jungen waren ganz verdrossen. Da zu Hause alles Erforderliche flink von der mit Sägen aller Art ausgestatteten Mutter gesägt wurde, kann man den Schwierigkeitsgrad hierbei allerdings nicht bemessen.

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