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Times Mager

Auf der Strecke

Judith Hermann liest Freud. Schön. Doch dann spricht sie vom Unterbewussten. Quel Horreur! Unten ist, wo tagsüber die Hose drüber ist. Zeit, die moderne Seele zu erretten, meint Ina Hartwig

Von INA HARTWIG

Sie lese jetzt Freud, ließ Judith Hermann das Publikum in ihrer Dankrede zum Hölderlin-Preis wissen. Das ist eine gute Nachricht! Um Freud zu lesen, ist es nie zu spät. Sie lese Freud im ICE, wenn sie mit ihrem neuen Buch "Alice" unterwegs sei von Termin zu Termin. Es sei Judith Hermann von Herzen gegönnt, diesen grandiosen Stilisten und Denker zu entdecken. Doch dann steht da in ihrer Rede, die die FAZ am Wochenende dankenswerter Weise abdruckte, ein Wort, das da nicht stehen dürfte und das jedem, der Freud die Treue hält, wie ein Schlag in die Magengrube fährt. Das Wort lautet "Unterbewusstes". Ihr "Unterbewusstes", spekuliert die Autorin, wüsste, warum sie im Zug Freud lese. Niemals würde Freud dieses Wortungetüm verwenden, er spricht grundsätzlich und mit guten Gründen vom Unbewussten. Sogar die Abkürzung "Ubw" hat er eigens erfunden, um das volle Wort nicht immerzu ausschreiben zu müssen. Nun, das Ubw befindet sich nicht "unten", auch nicht oben, nicht vorne und nicht hinten. Das Unbewusste meint schlicht und ergreifend das, was uns nicht bewusst ist - und uns gerade deshalb so viele Fallen stellt im Leben und in der Liebe!

"Jeder psychische Akt", so Freud 1912, "beginnt als unbewusster und kann entweder so bleiben oder sich weiterentwickelnd zum Bewusstsein fortschreiten, je nachdem, ob er auf Widerstand trifft oder nicht."

Die Worterfindung vom "Unterbewussten" gibt hingegen perfekt wieder, was sich als Psycho-Volkshalbwissen niedergeschlagen hat: unten ist dort, wo tagsüber die Hose drüber ist. Es trifft sich, dass soeben Eva Illouz' hellsichtige Studie über "Die Errettung der modernen Seele" erschienen ist, eine kulturkritische Bestandsaufnahme des umfassenden Siegeszugs der Psychoindustrie und dessen habituellen, ideologischen Konsequenzen; von der gefühligen Selbstsucht über den Triumph des Leidens bis zur Beschwörung der emotionalen Intelligenz als sanftem Herrschaftswissen.

Die Treue zu Freuds tastendem, genauem Denken ist während dieses Siegeszugs, wie das obige Beispiel wieder einmal schmerzlich zeigt, gewissermaßen auf der (Zug-)Strecke geblieben. Es wäre zum Verzweifeln, wenn es nicht zum Lachen wäre.

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