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Ein Radiokommentator bemerkte mit gewissem Pathos: „Jeder, aber auch jeder muss jetzt an einem Strang ziehen“.

Times mager

Strang - Die Feuilleton-Kolumne

Wie sollen alle an einem Strang ziehen, ohne über die Stränge zu schlagen?

Entgegen anderslautenden Gerüchten leben wir in diesem unserem Lande nicht in einer Despotie. Das zeigt sich gerade jetzt, da wir uns in magischer Übereinstimmung zwischen unserem freien Willen und demjenigen unserer Regierenden schichtenübergreifend zu maskieren beginnen.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir in unserer großen Mehrheit die angeordneten oder auch nur -geregten Schutzmaßnahmen ganz ehrlich für das menschlich Beste halten, zumal uns nichts Besseres einfällt. Wir haben also Fortschritte gemacht, seit der Arzt und Schriftsteller Johann Georg Zimmermann 1758 in seinem Werk „Von dem Nationalstolze“ schrieb: „Wer ehrlich und menschlich denkt, der kriegt von dem Despoten den Strang zum Lohn.“

Das ist vorbei. Wenn schon Strang, dann ist es heute derjenige, an dem wir alle gemeinsam ziehen, weil wir – Achtung, Metaphernregen plus Wortwiederholung – den Karren nicht anders aus dem Dreck zu ziehen vermögen. Auch wenn sich die Argumentationsstränge hier und da ein wenig verheddern und verknoten: Wir ziehen letztlich alle an diesem einen Strang, und wenn nicht, dann glauben wir es wenigstens, das fühlt sich in Zeiten der Angst besser an.

Auch das, was wir derzeit auf keinen Fall tun sollten, hängt sozusagen an einem seidenen Strang: Bitte, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, schlagen Sie nicht über die Stränge! Sie sind ja bekanntlich kein Kutschpferd, das, wild ausbrechend aus dem Geschirr, mit den Hufen über die Zugstränge hinaus ausschlägt, oder?

So ziehen wir also alle an einem einzigen Strang keine Kutsche, sondern den Karren, und zwar, wie gesagt, aus dem Dreck. Etwas irritierend allerdings die Formulierung, die jüngst ein Radiokommentator wählte: „Jeder, aber auch jeder muss jetzt an einem Strang ziehen“, bemerkte er mit einem gewissen Pathos, und da stellen sich doch Fragen.

Zum Beispiel: Ziehen die Frauen auch mit? Und wenn ja, woher sollen wir 80 Millionen Stränge nehmen, wenn uns schon zwölf Milliarden Masken fehlen? Was ziehen die 80 Millionen, jede und jeder an seinem und ihrem Strang, und wohin ziehen sie es? Bricht da wieder das alte Ideal der Ego-Gesellschaft durch mit dem berüchtigten Motto „Wenn jeder für sich selbst sorgt, ist für alle gesorgt“?

Nein, das ist gar nicht so gut, wenn jeder an einem Strang zieht. Lasst uns lieber weiter alle ziehen an diesem einen, einzigen Strang. Das mag zwar einen gewissen logistischen Aufwand erfordern, aber haben wir nicht gerade gezeigt, wozu wir in der Lage sind, wenn es sein muss?

Jetzt sagen Sie nicht, es sei egal, dass es einen Unterschied zwischen „alle“ und „jeder“ gibt. Gerade jetzt muss gelten: alle für sich oder jeder gemeinsam.

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