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Strandleben

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Von: Judith von Sternburg

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Am Nordseeinselstrand pausiert der Alltag. Das meiste kommt bekannt vor. Dabei gibt es Jahr für Jahr auch große Neuerungen. Wo es früher nur Fisch gab, gibt es jetzt auch Pizza.
Am Nordseeinselstrand pausiert der Alltag. Das meiste kommt bekannt vor. Dabei gibt es Jahr für Jahr auch große Neuerungen. Wo es früher nur Fisch gab, gibt es jetzt auch Pizza. © Hauke-Christian Dittrich

Gute Namen, schlechte Namen, leichtsinnige Schwimmer, Menschenkugeln: Beobachtungen auf einer Insel. Die Kolumne „Times mager“.

Die Namen am Nordseeinselstrand sind in diesem Jahr wieder etwas pompöser. Antonia, Charlotta, Emilia, Friedrich. Alles noch nicht abgeschliffen zu Toni, Lotta, Emmy, Fritz, wobei Fritz das vermutlich nicht mögen würde. Allerdings mag Fritz auch Friedrich nicht. Er geht über die Erwähnung dieses Namens geflissentlich hinweg. Gelegentlich führt das zu Geschrei, dabei schreien am Nordseeinselstrand sonst nur die Möwen. Umgekehrt gibt es da auch eine gewisse Lizzi, welcher Langname mag dazu gehören? Hier hat man endlich einmal Zeit zum Nachdenken, aber leider denkt man dann nicht gleich das Klügste, und zwischendurch schläft man einfach ein.

Am Nordseeinselstrand ist immer etwas los. Eine Eiskugel plumpst in den Sand. Die Rettungsschwimmerin muss einen leichtsinnigen Menschen zurücktröten. Eine Möwe klaut ein Heringsbrötchen. Ein Strandkorb fällt hintenüber. Friedrich fällt vorneüber. Die Rettungsschwimmerin muss schon wieder den leichtsinnigen Menschen zurücktröten. Das Team Sohn-Tochter gewinnt gegen das Team Vater-Sohn in einer modernistischen Ballsportart zwölf zu acht. Ein Mann flucht mit den Worten „Herrgott, Sakrament“. Ein Mann muss am Telefon erklären, wie das, das und das funktioniert. Offensichtlich arbeitet er mit Trotteln zusammen, so sinngemäß auch seine Worte im Anschluss.

Am Nordseeinselstrand pausiert der Alltag, so sinngemäß auch ein Argument der örtlichen PR. Aber das Leben pausiert nie. Jetzt rast der einzige Pkw der Insel Richtung Meer, wo sich eine Kugel aus Fachkräften gebildet hat. DER RETTUNGSHUBSCHRAUBER LANDET. Später ist es wieder still. Friedrich will noch nicht nach Hause. Am Nordseeinselstrand kommt einem das meiste schon bekannt vor, und so soll es auch sein. Dabei gibt es Jahr für Jahr auch große Neuerungen. Wo es früher nur Fisch gab, gibt es jetzt auch Pizza.

Erst im Zentrum der Nordseeinsel, sofern man angesichts ihrer Linienform von einem Zentrum sprechen will – selbst das Wort Form ist zu dick und rein theoretisch hätte die Menschenkugel von vorhin zur anderen Seite wieder herunterfallen müssen, ins Wattenmeer –, zeigt sich die entscheidende Veränderung gegenüber den zurückliegenden 500 Jahren. Die Kurkapelle ist weg. In ihrem Gehäuse spielen stattdessen verschiedene Schlagercombos. Die Kurkapelle kam aus Ungarn. Kein Sommer ohne die Overtüre zur „Schönen Galathee“ und das Kurkapellen-„Carmen“-Potpourri. Das Publikum klatschte manchmal mit, doof. Aber jetzt wiegt und wogt es froh zu „My Bonnie Is Over the Ocean“. Das ist direkt charakterlos.

In 20, 30 Jahren beurteilen wir das vielleicht milder.

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