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Niederrad ist ein (gemessen an der Größe der Stadt) relativ abgelegener Teil von Frankfurt, gleich hinter Sachsenhausen.
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Niederrad ist ein (gemessen an der Größe der Stadt) relativ abgelegener Teil von Frankfurt, gleich hinter Sachsenhausen.

Times mager

Stammgast

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Mehr als ein schräger Kauz ging jetzt verloren, ein Stück Heimat ist gestorben.

Du schüttelst den Kopf. Guten Taaag, sagst du mit belehrender Betonung zu Stammgast R., der dich gerade mit folgenden Worten im Kaffeehaus empfangen hat, grußlos: Du musst das doch wissen, wie hieß noch das Möbelhaus da hinten in Niederrad?

Niederrad ist ein (gemessen an der Größe der Stadt) relativ abgelegener Teil von Frankfurt, gleich hinter Sachsenhausen, und weil Stammgast R. weiß, dass du in Frankfurt-Sachsenhausen groß geworden bist, geht er fälschlicherweise, aber zwingend davon aus, dass du das Möbelhaus in Niederrad kennst. Du schüttelst den Kopf, aber du lachst. Du weißt, dass Stammgast R. keinen Aufschub kennt, wenn es um Frankfurt geht, seine Stadt, in der er so zu Hause ist wie kaum noch jemand sonst, der in ihr lebt.

Wenig später macht das Kaffeehaus wieder zu, Lockdown. Du wusstest, dass Stammgast R. schwer krank ist, aber es gab Hoffnung, dass die Chemotherapie wirkt. Irrtum. Noch auf dem Weg in die Palliativstation soll Stammgast R. gesagt haben: „Die päppeln mich hier auf.“ Am Tag vor Heiligabend wird er beerdigt.

Du warst nie zu Hause bei Stammgast R., ihr wart nicht wirklich befreundet, mehr so gemeinsames Kaffeehausinventar, und in der Routine des Vertrauten hast du oft vergessen, was das alles wert ist. Aber jetzt spürst du, dass du mehr verlierst als einen schrägen Kauz, der sich an seinem Frankfurt und an seinem Proletarierstolz so heftig festkrallen konnte, dass alle spürten: Hier versucht sich einer aufrecht zu halten in einer Welt, die oft genug versucht hat, ihn zu beugen.

Sie hat ihn nicht gebeugt. Im Kontrast zu seinen Geschichten, die oft so harmlos klangen, aber doch von einem unendlichen Kampf erzählten, hast du dein geschenktes Glück ganz neu schätzen gelernt. Du hast verstanden, dass es nicht nur Marotte war, wenn Stammgast R. berichtete, wie er die ganze Stadt auf der Suche nach günstiger Wurst durchsucht hat, Metzger für Metzger, und du kannst sicher sein: Er kannte sie alle, die Metzger und die Möbelläden, die verschwundenen und die, die es noch gibt.

Und wenn sie ihm zu teuer war, die Wurst, dann sagte er: Fleischwurst, zehn Euro pro Kilo? Das sind in D-Mark zwanzig Mark, Hurenhaus-Preise! Die Kaffeehausbelegschaft rollte kollektiv die Augen, aber das war Stammgast R. egal, und wenn das Gespräch mal erlahmte, rief er eine der „Omis“ an, denen er die Füße pflegte, und fragte, ob er für sie etwas einkaufen soll.

Oder er fing an, von seinen Söhnen zu erzählen. Hinter dem üblichen Hauch von Grobheit dieser Haufen Vaterglück, den auch ein Stammgast R. nicht verbergen konnte. Du hast ihn noch im Ohr, diesen Ton, aber du weißt, es ist ein Stück Heimat gestorben.

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