Der Zyklus produziert Sieger oder Nobodys, die zyklische Natur der Dinge hat Republikaner und Demokraten immer wieder hart aufeinanderprallen lassen.
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Der Zyklus produziert Sieger oder Nobodys, die zyklische Natur der Dinge hat Republikaner und Demokraten immer wieder hart aufeinanderprallen lassen.

Times mager

Stammeskult

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Richard Fords Roman „Unabhängigkeitstag“ über das Wahlkampfjahr 1988 in den USA lässt auch für die unmittelbare Gegenwart tief blicken.

Donald Trump hat es nicht dabei belassen, die Welt etwa mit bizarren Fiktionen in Verwirrung zu stürzen, im Gegenteil. Sein Vorgehen gegen die Mitmenschlichkeit während der Corona-Krise war ein Faktum. Und nicht nur deswegen war ihm alles zuzutrauen, so dass die Verwunderung darüber, dass er das Wahlergebnis noch in der Wahlnacht anzweifelte, eigentlich erstaunlich ist. Seine Attacken gegen die Auszählung waren eine Verschwörung. Trump strebte für die US-Demokratie den Debakel Day an.

„Independance Day“ heißt der Roman, der zweite Richard Fords, der in einer mild gestimmten Atmosphäre des amerikanischen Alltags beginnt, ein fast 700 Seiten umfassendes Werk, das bereits nach nur zwei Seiten die Idylle als eine trügerische andeutet. Der gesicherte American way of life – auch eine Fiktion. Eine Unruhe in dem kleinen Ort, „trotz unserer Sommerträgheit“ ein „bisher unbekanntes Gefühl“, das sich breitmacht, eine „dunkle Vorahnung“, dass „sich jenseits der engen Grenzen unserer Welt der Dschungel liegt“. Der Roman spielt im Juli 1988, während des Wahlkampfs.

Sorgen sind es, von denen der Ich-Erzähler, der 44 Jahre alte Frank Bascombe spricht. Den Gedanken aufgreifend, könnte man sagen, dass auch der Wahlkampf des Jahres 2020 von Sorgen dominiert wurde, Sorgen, die auf der demokratischen Seite anders aussehen als auf republikanischer – und schon deswegen zum Zusammenprall geführt haben. Einem Clash der Lebensformen.

Auffällig, dass Fords Erzähler anfangs für ein ganzes Amerika spricht, kein gespaltenes, kein polarisiertes. Aber da liegt etwas in der Luft im Sommer 1988, nicht nur weil Wahlkampf ist in diesen Tagen, so dass sich die Romanfigur sicher ist, „dass es in diesem Land immer darum ging, den Kurs zu halten, keinen Millimeter zurückzuweichen und sich von der zyklischen Natur der Dinge tragen zu lassen“.

Kurs halten, keinen Millimeter zurückweichen – interessant. Hochaufschlussreich aber auch der Glaube an den Zyklus, allerdings glauben Republikaner und Demokraten höchst unterschiedlich an ihn, als Wahlgewinner oder Wahlverlierer, je nachdem wie es für sie ausgeht. Der Zyklus produziert Sieger oder Nobodys, die zyklische Natur der Dinge hat Republikaner und Demokraten immer wieder hart aufeinanderprallen lassen. Nur ein Clash der Lebensweisen? Womöglich gar ein Clash unterschiedlicher Zivilisationen, einer tolerant-liberalen versus einer repressiv-ressentimentgeladenen Kultur?

Nicht erst seit den letzten Tagen kann man lesen, die beiden Lager gingen aufeinander los wie verfeindete Stämme. So viel zur Traditionspflege in einer ureigenen US-amerikanischen Sache.

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