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Treffen sich zwei Hausbesitzer am Gartenzaun...

Times mager

Stämmig

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Ein Wort wurde aus Verlegenheit neu erfunden und begann sofort, seinen Weg zu machen.

Das Googeln verlief eigentlich ganz erfreulich, denn es stützte die These der Kollegin S.: Das Wort „migrationsstämmig“, lautete die These, sei genau genommen erst entstanden, als die jungen Leute es ausgesprochen hätten, während sie eine Veranstaltung verließen.

Jedenfalls erscheint es wahrscheinlich, dass die jungen Leute das Wort „migrationsstämmig“ noch nie gelesen hatten, als sie es aussprachen, denn Google erzielt lediglich sechs Treffer in 0,59 Sekunden, während „deutschstämmig“ bereits zu 18 100 Treffern in nur 0,50 Sekunden führt, von „deutsch“ ganz zu schweigen: „Ungefähr 2.090.000.000 Ergebnisse (0,56 Sekunden)“. Aber Quantität, bemerkte Kollege H., sage bekanntlich noch nichts über Qualität.

Inhaltlich war man sich schnell einig, dass es sich bei „Migrationsstämmigen“ weder um dicke Einwanderer handeln dürfte noch ausschließlich um Menschen, die auf der Flucht geboren sind, sondern dass der Begriff wohl gar keine eigene Bedeutung besitze. Schon eher, meinte Ohrenzeugin S., habe es wie eine Erfindung gewirkt, um für die vergleichsweise hohe Zahl der nicht deutschen oder zumindest nicht deutschstämmigen Besucher der Unterhaltungsveranstaltung eine Bezeichnung zu finden, die unverfänglich klingt.

Das sei ja immerhin ein Versuch, Korrektheit an den Tag zu legen, warf Kollegin E. ein und erläuterte dies sogleich unter Bezug auf ihre Großmutter, deren Nachbar in dörflicher Umgebung einmal eine Schwarze geheiratet habe. Die Großmutter habe, davon erzählend, bei der Beschreibung der Dame zunächst gezögert, offenbar gewillt, die Bezeichnung „schwarz“, über deren Korrektheit sie sich nicht ganz sicher zu sein schien, zu vermeiden.

Schließlich sei ihr, der Großmutter, die Formulierung „die Bunte“ herausgerutscht, was ihr auch nachträglich niemand so recht verübeln mochte, jedenfalls nicht im Kollegenkreis.

Zur Belohnung erzählte Kollegin E. sogar einen Witz aus dem Umfeld des Diskriminierungswesens: Zwei Männer kaufen zwei exakt gleiche Häuser zum exakt gleichen Preis. Der eine, ein Türke, begegnet dem anderen, einem deutschen (und -stämmigen) Anwalt am Gartenzaun und sagt: „Mein Haus ist mehr wert als deins.“ Anwalt: „Wieso denn das jetzt?“ Türke: „Ich habe einen Anwalt zum Nachbarn und du einen Türken.“

Kollegin E. sprach das Wort „Türke“ derart eindeutig undiskriminierend aus, dass man fast hätte meinen können, in einer besseren Welt müsste niemand mehr falsche Wörter erfinden, wenn es um „Menschen mit Migrationshintergrund“ geht.

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