1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Stadtwurst

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stephan Hebel

Kommentare

Das sei in jenen fernen Zeiten gewesen, sagte Kollege S., als der Genuss gekochter, zerstampfter und in Därme gepresster Fleischreste noch Standard, das Wort „vegan“ unbekannt und der „Vegetarismus“ eine Art Sekte gewesen sei.
Das sei in jenen fernen Zeiten gewesen, sagte Kollege S., als der Genuss gekochter, zerstampfter und in Därme gepresster Fleischreste noch Standard, das Wort „vegan“ unbekannt und der „Vegetarismus“ eine Art Sekte gewesen sei. © Christoph Soeder/dpa

Vom Brotbacken zu Räucherstäbchen und der sogenannten Nürnberger Stadtwurst. Die Kolumne „Times mager“.

Kollege G., das Weltgeschehen äußerlich gefasst, aber angemessen verzweifelt begleitend, entstammte andererseits dem Fränkischen, was nun einmal bedeutete, ein gewisses Maß an Lebensart gegen die Wirklichkeit zu verteidigen. Und so kam die Rede, die wahnwitzigen Widersprüche der Welt geradezu dokumentierend, vom publizistischen Umgang mit Kriegen und Katastrophen direkt auf die Nürnberger Stadtwurst.

Kollege S., Hesse mit Haut und schwindendem Haar, nahm die Abwechslung freudig auf, noch bevor Kollege G. die Beschaffenheit der Nürnberger Stadtwurst näher zu schildern begonnen hatte. Er habe, prahlte S., in der damaligen Kantine eines Medienunternehmens täglich etwa 200 Gramm Gelbwurst vertilgt. Zudem könne er berichten, dass er einst mit Erfolg an einer Fleischwurst-Blindverkostung teilgenommen und überzeugend seine Behauptung belegt habe, dass er das Markenprodukt aus dem Frankfurter Osten zielgenau von der Supermarkt-Ware unterscheiden könne, die den Namen eines westlichen Stadtteils trug.

Das sei in jenen fernen Zeiten gewesen, fügte Kollege S. hinzu, als der Genuss gekochter, zerstampfter und in Därme gepresster Fleischreste noch Standard, das Wort „vegan“ unbekannt und der „Vegetarismus“ eine Art Sekte gewesen sei. Deren Jünger hätten sich in düsteren Läden versammelt, wo lächelnde Hippies beim Duft von Räucherstäbchen für einen Moment von der Getreidemühle abgelassen hätten, um der Kundschaft Brot aus Vollkorn feilzubieten, das in harmonischer Übereinstimmung mit Mutter Erde geerntet und dann in ziegelsteinschwere Blöcke gebacken worden sei, „hart, aber fair“, so der Kollege S., es sei nicht leicht gewesen, sich da durchzubeißen, „alles wie bei Plasberg“, scherzte S. Und wie sei das nun mit der Nürnberger Stadtwurst?

Kollege G. beschrieb die Spezialität, bis dem Hessen das Wasser im Munde zusammenfloss, so rief er es begeistert aus. Dass Nürnberger Stadtwurst auch „mit Musik“ gegessen wird, also mit einer Soße aus Essig, Öl und Zwiebeln, trug zur Begeisterung des Kollegen S. ein Weiteres bei, hatte er doch, obwohl nicht gerade Vegetarier, gerade einen vollkommen fleischlosen Frankfurter Handkäs’ mit Musik vertilgt.

Wochen später rief Kollege G. an: Er habe von einem Nürnberg-Besuch Stadtwurst mitgebracht, wo es zur Übergabe kommen könne. Schnell war der Ort bestimmt, die Wurst übergeben, und Stunden später schickte Kollege S. eine Nachricht: „Erste Sahne!“ Nicht ganz die treffende Metapher, kabelte Kollege G. zurück, aber er wisse ja, was gemeint sei. Widerwillig suchten beide ihre Schreibtische auf, die Welt wollte nicht warten.

Auch interessant

Kommentare