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Times Mager

Spuren

  • VonHans-Jürgen Linke
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Der Schnee hinterlässt Spuren: In frühneuhochdeutscher Begattungslyrik, in einem gutbürgerlichen Wohnviertel einer mitteldeutschen Mittelstadt und in der kleinen großen Welt. Von Hans-Jürgen Linke

"Herrlich weißer Schnee, soweit man sehen kann / Blauer Himmel, heller Sonnenschein", das ist natürlich eine weltferne Vision, die man nicht ernst nehmen, die man nur zitieren kann. In diesem Fall ist sie ein Zitat aus dem durch Vico Torriani bekannt gewordenen Lied "Zwei Spuren im Schnee". Es handelt sich dabei um ein vergleichsweise schüchternes Beispiel frühneuhochdeutscher Begattungslyrik, bei der zwei einander traut umwedelnde Skispuren aus steiler Höh´ herab führen in ein Hüttlein klein im tiefen Tal. Der Schnee spielt darin die metonymische Rolle des Jungfräulichen. Das muss den heutigen Leser dieses alten Liedtextes rühren, aber auch den Leser von Spuren im Schnee.

Spuren in einem gutbürgerlichen Wohnviertel einer mitteldeutschen Mittelstadt zum Beispiel, die bereitwillig Auskunft geben über Räumdisziplin und morgendliches Aufstehverhalten der Anlieger, über die Breite ihrer Schneeschieber und die Kraft, die sie beim Schneeschaufeln aufzuwenden in der Lage sind. Sowie über ihre ökologischen Einstellungen: Haben sie Split gestreut, der zwar ökologisch korrekt ist, sich aber in die Rillen der Schuhsohlen klemmt und dann in häuslichen Fußböden tiefe Spuren hinterlassen kann?

Haben sie Salz gestreut, dessen ungleich schlechtere Öko-Bilanz es in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen eher stigmatisiert und das noch viel leichter an allen Schuhsohlen haftet und überall fleckige Spuren hinterlässt? Oder haben sie Asche gestreut, was einen unangenehm schmutzigen Matsch ergibt, aber einen hohen Standard von Umweltbewusstsein signalisiert, zumindest, wenn es sich um hellgraue Asche nachwachsender Rohstoffe handelt, weniger hingegen, wenn es sich um die ockerfarbene Asche von Braunkohlebriketts handelt, wie man sie zurzeit in jedem Heimwerker- und Getränkemarkt erwerben kann?

Schon zeichnen allenthalben Tauwetterspuren den Schnee. Wenige Zentimeter noch, dann erscheinen in aschfarbenen Schneematschresten die weniger als drei Wochen alten Sedimentschichten von Silvesterfeuerwerkskörpern und anderen urbanen Abfällen. "Und die große Welt", sang Vico Torriani, erscheine uns "dann plötzlich winzigklein".

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