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Sportcoupé

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Die Kluft zwischen Innovation und Ästhetik ist bisweilen doch erstaunlich. Und gut zu studieren am Fetisch Auto, wo manches Blechkleid von barocker Bulligkeit ist.

Dass acht Pferde sich zu acht Pferdestärken ausmendeln lassen, ist eine Errungenschaft des automobilen Zeitalters. Aus den Anfängen dieser Ära stammen Vehikel, denen man ihren Nutzen überhaupt nicht ansieht. Gemessen an der traditionellen Kutsche war die erste Benzindroschke, wie wir sie soeben auch in dieser Zeitung gefeiert haben, etwas äußerst Wackeliges, obendrein nicht nur laut, stinkend. Sie war lächerlich hässlich.
Revolutionen, auch technische, sind mit ästhetischen Eingriffen verbunden, an erster Stelle wohl immer wieder mit Abstrichen. Mit dieser Einsicht wie mit diesem Vorwurf hat die Automobilindustrie seitdem leben müssen. Oder wurde die neueste Generation an Hybridautos von begnadeten Händen und glücklichen Menschen gestaltet? Und wie ist, nur ein Beispiel, die Karosserie eines topaktuellen Sportwagens zu beurteilen, wenn der Maßstab der britische Roadster der 50er Jahre ist, dessen Blechkleid von barocker Bulligkeit war. So etwas wird heute nicht mehr gepflegt, auch wenn PKW-Macher oder Autoschrauber versuchten, Barockes durch Frontspoiler oder Heckschürze, überhaupt sehr konvexe Luftleitbleche repräsentiert zu sehen.
Dass das Barocke zweifellos weiterhin gepflegt werden muss, führt etwa das Liechtenstein Museum zu Wien (gleich bei der Strudlhofstiege!) zwingend vor, angefangen mit einer im Vestibül in Szene gesetzten Kutsche. Acht Rösser zogen den „Goldenen Wagen“ des Fürsten, es war Rokokohochkonjunktur. Der Liechtensteiner Kutschentypus, mit dem Österreichs Botschafter in Frankreich habsburgische Interessen vertrat, fuhr in Versailles nicht in einer Art S-Klasse vor. Vielmehr sah der französische König dem Auftritt eines flotten Rokokogefährts zu. Man muss es sich heute so vorstellen, dass die Habsburger in einer Art Sportcoupé repräsentieren ließen.
So groß der Aufwand, und das Coupé war damals bereits mit acht PS praktisch übermotorisiert, kam es bei so bemerkenswerten Inszenierungen zum Einsatz wie Leerfahrten, mit Kutscher, ohne adelige Crew, aber sehr repräsentativ. Heute sprechen wir vom Cruisen, wenn wir Kutscher wie die Fürsten in Frankreich tun.

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