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Spießig

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Von: Judith von Sternburg

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 Spießig oder nicht spießig, das war die Frage, und Macht in der Klasse bestand darin, ansagen zu können, was spießig war. Darunter war allerdings auch die Musik von Police, und das ist schon eine eigenwillige Definition.
Spießig oder nicht spießig, das war die Frage, und Macht in der Klasse bestand darin, ansagen zu können, was spießig war. Darunter war allerdings auch die Musik von Police, und das ist schon eine eigenwillige Definition. © dpa

Als wir unsere spießige Seite zu schätzen lernten.

Zu den aus der Mode geratenen Wörtern gehört „Spießer“, aber das hat mehr damit zu tun, dass es eine Zeit lang das Maß aller Dinge war. Spießig oder nicht spießig, das war die Frage, und Macht in der Klasse bestand darin, ansagen zu können, was spießig war. Generell galt als spießig, was generell als spießig gilt, es ist zu langweilig, das zu wiederholen. Aber auch die Musik von Police galt zum Beispiel als spießig, und das ist schon eine eigenwillige Definition. Schutz gegen das Verdikt der Spießigkeit war zum Beispiel ein Palästinensertuch. Oder ein Antiatomkraft-Anstecker.

Das ist ein weites Feld. Schon damals war auffällig, dass die einen das Wort benutzten, die anderen nicht. Das Wort war auch ein Schild gegen die Angst, selbst ein Spießer zu sein. Wer kann das schon so genau wissen?

Aus dieser Zeit stammt also der erste grundlegende Missmut gegen Gruppenbildungen aller Art. Sowie das Bedürfnis, im Zweifelsfall lieber zu den Spießern zu zählen, das heißt natürlich zu den Spießern und Spießerinnen. Aber die Klasse hatte sich längst für B. entschieden, B., die als außerordentlich spießig galt, die personifizierte Spießigkeit. Und sogar ihr Name hat in der Wirklichkeit einen anderen Anfangsbuchstaben. Denn dass sie als dermaßen spießig galt und dies schon seit der Grundschule, war ihr vielleicht in diesem Umfang nicht bewusst. Dann soll sie es auch im Nachhinein nicht merken. Es war ein haltloser Vorwurf, der vor allem darauf basierte, dass B. kein Öko, kein Popper, kein Punker, kein Freak und kein Grufti war. Schon möglich, dass die Haare in der Familie B. zu Hause geschnitten und Jeans und Blusen von den älteren zu den jüngeren Schwestern durchgereicht wurden. Vintage. Aber so ein Wort hatte in der 9c noch keiner gehört.

Gegen B. sprach ernsthaft nur, dass sie keinen abschreiben ließ. Es ist merkwürdig und nicht sympathisch, keinen abschreiben zu lassen. Es ist allerdings auch merkwürdig und nicht sympathisch, von anderen zu verlangen, dass sie abschreiben lassen.

Viel später tauchten noch einmal Klassenfotos auf. Zum Teil schwierig, zum Teil unmöglich, die Leute wiederzuerkennen. Wir sehen alle nicht besonders helle aus, aber sehr jung. Die Haare möglichst lang, die Stulpen garantiert selbst gestrickt. Einer der drei, vier Stefans hat sein Strickzeug auf dem Schoß. Viele haben schlechte Laune, dann lacht allein der Antiatomkraft-Anstecker.

B. hat aber keine schlechte Laune. B. lacht auf den Fotos vergnügt und sieht blitzgescheit aus, und ihr Blick geht nicht ins Leere, sondern aufmerksam zu den anderen. Sie ist schön. Und sie ist eine Erwachsene unter Kindern. Wie peinlich für die Kinder, aber die merken nichts.

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