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Von: Judith von Sternburg

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Carlsen (links) hatte wohl Probleme mit der der selten gespielten, nun aber von ihm selbst gewählten Eröffnungsvariante Nimzowitsch-Indisch mit g3.
Carlsen (links) hatte wohl Probleme mit der der selten gespielten, nun aber von ihm selbst gewählten Eröffnungsvariante Nimzowitsch-Indisch mit g3. © Crystal Fuller/dpa

Vom Händeschnappspiel zu Nimzowitsch-Indisch mit g3: Da bleiben viele schlechter gerüstete Spielernaturen zwischendurch auf der Strecke. Die Kolumne „Times mager“.

Unsereiner versucht noch, sich wenigstens eine vage Vorstellung davon zu machen, wie Hans Niemanns möglicher Betrugsversuch gegen Magnus Carlsen ausgesehen haben könnte, ein ihm von Carlsen ja nicht konkret, aber folgenreich vorgeworfener Betrugsversuch, nachdem Niemann ihn, Carlsen, in der Runde zuvor geschlagen hatte, dies wohl auch, weil wiederum Carlsen mit der selten gespielten, nun aber von ihm selbst gewählten Eröffnungsvariante Nimzowitsch-Indisch mit g3 nicht perfekt zurechtkam, während sich Niemann damit, so lesen wir in der FAZ, „erstaunlich gut auskannte“ und nach einer Ungenauigkeit Carlsens in ein besseres Endspiel kam. Endspiel, endlich ein Wort, bei dem langjährige Theaterabonnentinnen wieder Boden unter den Füßen gewinnen.

In der Bahn betreiben Kinder und Erwachsene neuerdings wieder besonders gerne das Hände-Aufeinanderlege-Spiel. Man stapelt die Hände übereinander, zieht dabei unten jeweils wieder eine weg (geht ja nicht anders) und legt sie wieder obendrauf. Einen Heidenspaß muss das machen. Kann man dabei überhaupt verlieren? Das sehr kleine Kind ist verdattert, als seine beiden Hände übereinanderliegen, die Hand der Mutter nicht mehr dazwischen. Ja, es gibt kein Spiel auf Erden, dass man nicht auch verlieren könnte. Macht aber nichts.

Ehrgeizigere Eltern und Kinder spielen das Spiel als Schnappspiel in der Vertikalen. Dafür braucht man aber gute Reflexe und vor allem Nerven wie Stahl.

War es die Tante fünften oder sechsten Grades, vor 40 Jahren ungefähr 200 Jahre alt, die das Schachspiel einmal zu oft als „Spiel der Könige“ lobte? War es der Umstand, dass man mit Schachfiguren auch sehr schön und ausdauernd Vater, Mutter und viele Kinder spielen kann? Oder war es einfach ein Mangel an Intelligenz, der alle Versuche, dem Kind ein Minimum an Grundregeln beizubringen, scheitern ließ? Merkwürdig und traurig, dass auch der Versuch, wenigstens Skat zu lernen, scheiterte, und zwar bereits am Vorgang des Reizens. Dem Kind kamen Stammtische darum nie dumm, sondern gefährlich schlau vor.

Es ist nicht so, dass man den eigenen Spielbetrieb jemals mit zahlreichen Runden „Plants vs. Zombies“ befriedigen wollte, es blieb nur nichts anderes übrig. Es hat aber weder Kultur, noch kann man abends bei einem Glas Wein darüber reden, anders als über Nimzowitsch-Indisch mit g3. So stehen die Karten, und es ist hiermit einmal ausgesprochen.

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