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Snowflake

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Von: Lisa Berins

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Schneegestöber kann eine große Herausforderung für Bahnreisende werden.
Schneegestöber kann eine große Herausforderung für Bahnreisende werden. © Daniel Bockwoldt/dpa

Vom Versuch, beim Zugfahren das Internet zu nutzen, und der Erkenntnis, die sich aus dem Scheitern gewinnen lässt.

Das Rädchen rödelt und rödelt, aber niente; die Website baut sich nicht auf. Schwaches Internet ist einfach das Nervigste – vor allem auf einer langen Reise im Zug. In einem überfüllten Zug. Was wahrscheinlich auch der Grund für den schlechten Empfang ist: Überlastung. Man ist aufgeschmissen. Keine Streaming-Serie, die man sich reinziehen kann. Noch nicht mal Musik ist abrufbar, kein Zugriff zur eigenen Bibliothek – was? Auch die liegt auf der Cloud? Ufz.

Ein Blick auf den Laptopbildschirm des Sitznachbarn. Da läuft tatsächlich ein Film! Der Ton wird zwar vom Kopfhörer abgesaugt, aber ein stiller Actionfilm ist besser als nichts. Der muskelarmige, glatzköpfige Held befindet sich in einer Bar und erblickt die Schöne mit dem tief ausgeschnittenen, knallroten Kleid, die sich in Zeitlupe hüftschwingend durch die Menge bewegt (oh je, es hat einen Grund, warum man solche Filme normalerweise nicht guckt). Der Held stiert die Frau an. Und glotzt und glotzt. Moment, das Bild ist eingefroren. Das Rädchen erscheint. Es dreht sich. Der Nachbar klappt genervt den Laptop zu.

Aufgeben ist offensichtlich das Beste. Das Internet Internet sein lassen und aus dem Fenster gucken. Draußen ist es dunkel. Man sieht nichts außer dem eigenen Spiegelbild und ein paar Schneeflocken, die am Glas schmelzen. Dann der rettende Gedanke: Das Buch! Aber man hat es ins große Gepäck gesteckt, das im Gang verstaut ist. „Entschuldigung, dürfte ich kurz…?“ Der Sitznachbar ist eingeschlafen. Keine Chance, vorbeizukommen.

Vor dem nächsten Bahnhof warnt der Zugbegleiter die Aussteigenden vor dem verschneiten, glitschigen Bahnsteig: Rutschgefahr. Gespannt gafft man über den schlafenden Nachbarn zum gegenüberliegenden Fenster. Vielleicht wird einem zumindest da etwas geboten: schliddernde Menschen, fliegende Taschen – aber nein, jemanden schmerzhaft fallen sehen will man dann doch nicht.

Trotz Langeweile: Der Wlan-lahme Zug hat doch etwas Nützliches. Er gibt den Hauch einer Ahnung davon, was ein langfristiger Wegfall des Internets bedeuten könnte, wie es schon jetzt in Ländern mit Internetzensur – Iran, Russland – Wirklichkeit ist. Da reden wir nicht von einer Unterhaltungsmisere, sondern von einem lebensbedrohlichen Problem. Aber man kann helfen: Indem man seinen Rechner durch eine Browser-Erweiterung zu einer „Snowflake“, zu einer Zwischenstation für das Anonymisierungsnetzwerk Tor macht. Das ermöglicht Menschen, die in der Zensur leben, an unabhängige Informationen im Netz zu gelangen.

Ja, Schneeflocken können gemein sein. Für Zugreisende und für Autokraten.

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