1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Small Talk

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Eine Welt, in der ein Gartenzwerg keine eindeutige Aussage über typisches Deutschsein ermöglicht, ist unübersichtlich.
Eine Welt, in der ein Gartenzwerg keine eindeutige Aussage über typisches Deutschsein ermöglicht, ist unübersichtlich. © Friso Gentsch/dpa

Die Großmutter verachtete den Small Talk, aber große Reden helfen auch nicht immer weiter.

Wer keinen Gartenzwerg zu Hause stehen hat, fühlt sich von vornherein nicht typisch deutsch. Hinzu kommt: Wer einen Gartenzwerg zu Hause stehen hat, meint es möglicherweise ironisch. Ironie ist noch weniger typisch deutsch als ein nicht vorhandener Gartenzwerg. Eine Welt aber, in der ein Gartenzwerg keine eindeutige Aussage über typisches Deutschsein ermöglicht, ist unübersichtlich. Subtilere Kriterien müssen her. Auf der Suche danach in einen Leitfaden für Deutschlernende zum Thema Small Talk geraten. Hinweis 1: Viele Deutschen falle es schwer, Komplimente entgegenzunehmen. Sie sagten daraufhin Dinge wie: Das Kleid sei uralt. Hinweis 2: Die Frage „Wie geht es dir“ werde in Deutschland oft sehr ernstgenommen. Man müsse damit rechnen, anschließend mehr über die betreffende Person zu wissen, als einem lieb sei. Nun: Selten so ertappt worden.

Sprechen wir lieber von etwas anderem. Die Großmutter zum Beispiel hat den Small Talk noch verachtet. Nicht umsonst handele es sich um ein englisches Wort, hätte sie vermutlich zum Gespräch beigetragen. „Konversation“ sei doch weit weniger banal (Deutsche mögen keine Banalitäten, heißt es im Leitfaden, zu finden auf der Seite der gleichnamigen Deutsch-Lern-Zeitschrift, www.deutsch-perfekt.com).

Mehr noch als den Small Talk verachtete die Großmutter das Keep Smiling. Was ihre Einschätzung englischsprachiger Menschen betraf, orientierte sie sich an zweierlei: Einem Engländer namens „Mac“, der also offenbar Schotte war, den sie aus ihrer Jugend kannte und der ihre Hochachtung genoss. Mac hatte keinen Small Talk betrieben, sondern Konversation. Das Übel fiel auf die Amerikaner zurück, die sich mit Gründen in der Stadt befanden. So dass sich hier auch eine Portion europäischer Borniertheit zeigt. Ferner erinnert es daran, dass die Deutschen früher ziemliche Muffbolde waren (die Großmutter aber nicht!).

Sprechen wir lieber von etwas anderen. Die Zeitschrift „Opernwelt“ berichtet aus einem „Otello“ in Athen, dass zu Beginn der Vorstellung der Menschen in der Ukraine gedacht worden sei. Nach der Pause hätten gewerkschaftlich organisierte Choristen erklärt, man „identifiziere sich nicht mit der einseitigen Verlautbarung, da die russische Position ja gar nicht zur Sprache gekommen sei“. Im Publikum, das dafür und für die kommunistische Prägung des (auch aus kommunistischer Sicht doch schändlichen) Auftritts wenig Verständnis gehabt habe, sei es zu Tumulten gekommen. Otello, als Anführer gefordert, habe die Situation geklärt. Warum ist uns das jetzt noch eingefallen? Weil jedes Land seine Kommunikationstraditionen hat. Weil Small Talk nicht immer das Allerdümmste ist, was man von sich geben kann.

Auch interessant

Kommentare