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Was, wenn wir alle nur noch da säßen und in die Luft guckten, den Kranichen nach? Die Pumpe der ganzen geschäftigen Welt ginge plötzlich ganz ruhig.

Times mager

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„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen“, wusste schon Astrid Lindgren. Unser Autor hat‘s probiert und meint: Da kommst du auf Gedanken, die alles ins Rutschen bringen können. Die Feuilleton-Kolumne.

Eine Fledermaus. Zwei Fledermäuse. Da, noch zwei. Vier Fledermäuse. Viele Fledermäuse. Man müsste jetzt hier einfach sitzenbleiben und Fledermäuse zählen, jeden Abend. Nur Fledermäuse zählen und hier sitzen und vielleicht ein Gläschen Wein dazu. Und dann noch mehr Fledermäuse zählen.

Unten der Fluss, oben die Weinberge, in der Entfernung die Sonne, wie sie hinter der verfallenen Burg dramatisch wird, als hätte Nero wieder irgendein Weltreich angezündet. Mit den Motorrädern müsste man natürlich was machen. Das kann so nicht bleiben, dass die auf der anderen Flussseite herumrasen und das ganze Tal volldröhnen. Da lassen wir einen Tunnel bauen, das ist es doch! Durch den Weinberg durch, den Tunnel, und allen ist geholfen. Besonders den Fledermäusen. Wo sind sie? Da.

Gefährlich, so ein Urlaub. Je länger, desto gefährlicher. Da kommst du auf Gedanken, die könnten das ganze Gebilde ins Rutschen bringen, das ganze Wirtschaftsmodell. Jetzt stell dir bloß mal vor, alle würden nur noch dasitzen und Fledermäuse zählen. Oder Kraniche. Hörst du? Schon wieder ein Kranich-Vau, wo, da – und dort noch eins.

Alle säßen nur noch da und guckten in die Luft, der Herzschlag verlangsamte sich, dein Herzschlag, der Herzschlag der Stadt genauso. Die Pumpe der ganzen geschäftigen Welt ginge plötzlich ganz ruhig. Überhaupt nicht mehr müssten die Leute sich epidemisch in die Großstädte stürzen. Verschwunden wäre der Drang, Dinge zu kaufen und in Schränken zu stapeln.

Am Fluss sitzen, im Berg, beim Wein, und nichts hören als die Raben und die Kraniche.

Wenn wir einfach auf dem Land sitzenblieben und in der Stadt nichts mehr einholten, auch im Einkaufszentrum hinter den sieben Hügeln nicht! Dann müssten sie wieder rauskommen, die Geschäftsleute, wieder eine Bäckerei eröffnen, draußen, einen Kaufladen und eine Sparkassenfiliale und eine Arztpraxis. Bald hätte alles wieder einen Wert und eine Bedeutung. Bald wäre die Luft auch wieder besser.

Bald säße man wieder zusammen, und die Alten erzählten, wie sie damals einen kaputten Druckkopf ersetzen wollten, aber der Ersatzdruckkopf hätte doppelt so viel gekostet wie ein ganz neuer Drucker. Und alle lachten. Ein Drucker – aus Plastik! Und alle lachten noch lauter.

Krähen natürlich, überwiegend Krähen, nicht Raben. Am Abend krächzen die Krähen. Was haben die eigentlich vor? Warum fliegen sie hin und her und krächzen? Die fliegen nach Hause jetzt. Und morgen früh krähen die Hähne. Nur kräht wahrscheinlich keiner danach, was wir abends uns erträumten.

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