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Duisburger haben Nerven wie Stahl und fluchen selten - auch in einem Parkhaus.

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Sitten

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Heute: Sitten und Gebräuche in der Kulturszene sowie in einem Duisburger Parkhaus.

Heute: Sitten und Gebräuche in der Kulturszene sowie in Duisburg.

Neulich hackte also Wotan Alberich die ganze Hand ab, um an den Ring zu kommen (vgl. FR v. 7. November). Der blutige Ärmel war zu sehen, der jetzt länger war als der des anderen Arms. Ungefähr so lang wie ein Arm mit Hand, nur dass die Hand ja jetzt lose auf der Bühne lag. Es war abscheulich. Fluchend ging Alberich ab, erst beim Schlussapplaus war er wieder da.

Er trug immer noch den blutigen Ärmel und konnte den Kollegen beim Verbeugen in der Reihe nicht die Hand geben. Die Tradition, dass die Darsteller beim Applaus genauso aussehen und zurechtgemacht sind wie in der letzten Szene – außer sie waren nackt, dann tragen sie nun einen Morgenrock –, wurde durchgezogen. Oder stimmt etwa doch alles, was im Rheingold passiert?

Später galt es, ein Parkhaus in Duisburg zu verlassen. Als Beifahrerin wohlgemerkt, aber mitgefangen, mitgehangen, denn die Schranke öffnete sich etwa sieben Autos weiter vorne partout nicht. Es vergingen einige Minuten (2 bis 30), doch keiner hupte, keiner schrie. Nachdem die Personen im vordersten Auto lange genug am Kasten vor der Schranke gegnubbelt hatten, begaben sich einige Menschen nach vorne, aber nicht, um die Betreffenden / den Parkhausbetreiber zu verfluchen, sondern zu Beratungszwecken.

Inzwischen bestand, so kurz nach Ende der Vorstellung, das Parkhaus aus einer Autoschlange. Keiner hupte, keiner schrie. Als die Berater zurückkehrten, signalisierten sie der Schlange, sich auf ein Zurückschlängeln vorzubereiten. Den Insassen war, riefen sie wertfrei, das Parkticket abhandengekommen. Frankfurter wissen, was während all dieser Zeit in einem Frankfurter Parkhaus los gewesen wäre.

Noch später sang eine hinreißende Sängerin die „Mädchenblumen“-Lieder von Richard Strauss, der verflucht impertinente Gedichte von Felix Dahn („Ein Kampf um Rom“) vertonte. „Mohnblumen sind die runden, rotblutigen gesunden ...“. Schon den durchaus schwülstig eingestellten Zeitgenossen entging nicht, wie schwach die Verse waren. Dass Frauen nach Pflanzen kategorisiert wurden, störte sie weniger. Strauss’ Musik ist wunderbar, irgendwie muss man – weghören. Schwer zu sagen, wie die Menschheitsgeschichte weiter verlaufen wäre, hätten Männer sich permanent als Rose und Gänseblümchen betrachtet.

Was ist daraus zu schließen? Kulturschaffende können sich in Situationen hineinsteigern, aber auch total von ihnen abstrahieren. Duisburger haben Nerven wie Stahl und fluchen selten.

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