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Sintflut

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Von: Thomas Stillbauer

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Toll! So viele Kartons.
Toll! So viele Kartons. © Josep Rovirosa/Imago

Was ist ein wandernder Karton? Wer steckt da drunter? Und sammelt auch die Katze Kartons?

Längst nicht alles gesagt wurde an dieser Stelle unlängst zum Themenfeld Karton, Kartonaufbewahrung, Kartonwiederverwendung und Kartonentsorgung. Das belegen Reaktionen der geneigten Leserinnen- und Leserschaft sowie Gewohnheiten von Kartonbewohnerinnen.

Eine Kartonbewohnerin, um damit einzusteigen, war stets unmittelbar zugegen, wenn ein Paket geliefert wurde. Das geschah zu Lebzeiten der Kartonbewohnerin noch weitaus seltener als heutzutage; vielleicht machte das einen Teil des Reizes aus. Jedenfalls bewohnte sie, sobald der ursprüngliche Kartoninhalt entfernt war, den Karton. Nur Ohren und Schnurrhaare waren gelegentlich noch zu sehen. Befand sich der Karton in einer Position mit der Öffnung nach unten und die Bewohnerin darunter, dann eilte der Karton durchs Haus, nicht ohne an Wänden und Möbeln anzuecken. Öffnete jemand die Tür, sauste der Karton davon, über Feld, Wald, Chaussee, bis Altona (da taten ihm die Beine weh).

Zurück zum primären Verwendungszweck leerer Kartons. In einer perfekten Welt besitzt man einen Karton, um etwas darin aufzubewahren. In einer auch ganz okayen Welt besitzt man ein Haus, um darin leere Kartons aufzubewahren, so wie die Eheleute B. aus A. „Es ist schon irre, wie viel freies Volumen ein Haus hat“, schreibt Herr B., dessen Gattin nach seinen Angaben zur Kartonhorterinnenfraktion „Kann man sicher noch mal gebrauchen“ gehört, während er selbst mehr an die Rückgabe im Gewährleistungsfall denkt.

Bei einer formschönen Warmhalteplatte im Hause B. dürfte der Zeitraum für den Gewährleistungsfall abgelaufen sein. Ihr Karton stammt aus dem Jahr 1980 und übertrifft damit den in der vorigen Woche gefeierten Schallplattenspielerkarton um vier Jahre Aufbewahrungszeit. Vor allem aber enthielt der Warmhalteplattenkarton zur Freude und Verblüffung der B.s die lang vermisste Warmhalteplatte. Perfekte Welt.

Anders als erwartet liegen in puncto Kartonsammelmanie keineswegs die Herren einsam vorn; fast sieht es so aus, als wären die Damen noch sammelleidenschaftlicher. Im Hause Schallplattenspielerkarton Technics SL-D3 (1984) wird diese Theorie jedoch relativiert: „Die Kartonaufbewahrungslinie ja/nein verläuft messerscharf und trennt zwei gleich große Teile“, heißt es dort, und zwar in Team „Nach mir die Sintflut“ und Team „Sintflut voraus, was pack ich noch schnell ein, und reichen die Kartons dafür?“.

Wer regelmäßig in Weinbaugebiete fährt, beherbergt darunter hinaus im Keller einen Stapel Weinkartons, seit klar ist, dass der Winzer sie durchaus wiederverwendet. Die leeren Flaschen jedoch nicht. Ein anderes Thema.

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