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Singen

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Von: Sylvia Staude

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Singen hilft gegen vieles.
Singen hilft gegen vieles. © Oscar Carrascosa Martinez/imago

Singen hilft gegen Sturm, Trübnis und Angst. Aber was, wenn man plötzlich begreift, was man so singt?

Sie rüttelt und schüttelt, diese Antonia, zerrt am Lenkrad, knufft das Auto in die Seite, als meinte sie es persönlich. Der Mensch darin verkrampft, fühlt sich zu Unrecht attackiert: Aber ich habe doch immer nur sparsame Autos ... ich schwöre, ich habe noch nie einen SUV gefahren. Auf der Überholspur zischen indessen welche vorbei, als gäbe es keinen Sturm. Vielleicht tun sie das aber auch nur, weil die Welt durch Benzinsparen jedenfalls nicht mehr gerettet werden kann. (Soll man sagen: Der Zug ist abgefahren?) Sie bläht sich gewaltig und schwankt, diese Nacht, keineswegs winken die pechschwarzen Bäume, sie drohen. Kein Wunder, denn Plastikmüll wirbelt ihnen um die Füße.

Die Autofahrerin krallt noch mehr, braucht jetzt – nein, Ablenkung wäre das Falsche, aber ein bisschen Trost doch ganz nützlich. Und machte es sie nicht auf wundersame Weise froh, als sie kürzlich ihrem Patenkindchen vorsang? Alle Vögel sind schon da – in der Hoffnung, dass es das dort, wo das Kind aufwächst, auch die kommenden Jahre noch geben wird, dass Amsel, Drossel, Fink und Star schon beziehungsweise noch da sind. Ihretwegen sollen sie auch ganz dableiben und Kraft sparen.

„Wie sie alle lustig sind, flink und froh sich regen.“ Es ist freilich weniger der Glaube an den Wahrheitsgehalt des Textes, als das Vertraute der Zeilen, das tröstet: Als würde, solange nur die alten Lieder spielen, das Vogelhaus nicht leer bleiben. Als könnte einen der Sturm nicht dennoch von der Straße fegen.

Also rein in den CD-Spieler mit den „Golden Oldies“ und gleich einmal geräuspert, in Vorfreude.

Aber dann beginnt es mit „It Never Rains In Southern California“ von Albert Hammond. Schon hat man die Stimme erhoben für den Refrain, schon wirft man sich aus voller Brust in das desillusionierende „But girl, don’t they warn ya? /It pours, man, it pours“, da fährt einem der Schrecken in die Glieder: Es schüttet? Nein, es regnet ja tatsächlich nicht mehr in Kalifornien, jedenfalls fast nicht mehr, stattdessen brennt es in Kalifornien. Es folgt „Dust In the Wind“ von Kansas, bis heute hat man fröhlich mitgesungen: „All we do /Crumbles to the ground, though we refuse to see“, jetzt aber, durchgeschüttelt in mehr als einem Sinn, zögert man, als würde eine zu oft wiederholte Liedzeile das Unheil erst heraufbeschwören.

Und wer, verflixt nochmal, hat auch noch „Time In a Bottle“ auf die Scheibe gepackt? Ein Liebeslied, eigentlich, aber könnte die Angesprochene, für die der Sänger Zeit in eine Flasche stecken, aufbewahren möchte, nicht auch die Erde sein? Allerdings haben wir alle den Stöpsel für die Flasche längst schon verschusselt.

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