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Prüfet, ob im Spam-Postfach vielleicht ein Unschuldiger gefangen gehalten wird.

Times mager

Wo sind meine Spam-Emails?

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Ist es nicht verdächtig, wie leer plötzlich das Postfach ist? Und dass einem keiner größere Geldmengen anbietet?

Die Sache fing ganz harmlos an. Eigentlich sogar recht erfreulich. In der täglichen Aufstellung dubioser elektronischer Zuschriften befanden sich plötzlich nur sieben oder acht E-Mails. Kaum jemand offerierte noch diskrete Kontakte oder das Eintreffen größerer Geldmengen. Nicht mal die Maximierung zentraler Körperteile stand mehr zur fernschriftlichen Debatte.

Nach einigen Tagen musste das allerdings stutzig machen. Normalerweise waren täglich Hunderte Spam-Mails aufgelaufen, und nicht nur diskrete, sondern mitunter sehr explizite, in denen auch Bildbeispiele der in Aussicht stehenden engeren Kontakte mitgeliefert wurden. Was war mit meinem Hauptspammer los? Hatte er sich erschöpft aus dem Gewerbe zurückgezogen? Litt er an einer schlimmen Erkrankung? Oder war am Ende doch jemand auf ihn hereingefallen?

Sicher ging es Menschen sonder Zahl genauso – alle begannen, sich Gedanken zu machen, weil kein Prinz John aus Übersee, keine Ludmilla aus Krasnojarsk mehr von sich hören ließ. Irgendwann blieb selbst die Sammelbenachrichtigung über identifizierte Belästigungsmails aus, weil es wohl nichts Infektiöses mehr zu identifizieren und somit auch nichts mehr zu sammeln gab. Was, wenn ein genervter Empfänger die Adresse des Spammerkönigs ausfindig gemacht und ihn in den dunklen Keller gesperrt hatte, vertäut mit seinem eigenen WLAN-Kabel? (Pardon, geschmackloser Scherz in dem Zusammenhang. WLAN hat, wie Enten keine Ohren, natürlich keine Kabel.)

Nach einigen sorgenvollen Wochen dann des Rätsels Lösung: Es gab noch Infektiöses – nur wurde nicht mehr davor gewarnt. Alles floss seinen natürlichen Weg direkt in den Spam-Ordner und verhielt sich ruhig. Freilich nicht nur Ludmilla und Prinz John, sondern neuerdings auch jede Menge interessante, teils alarmierende Zuschriften von echten Menschen, alten Bekannten, verbürgten Edelleuten, die man durchaus gern gelesen hätte („Lass uns dringend telefonieren!“), wenn man denn davon gewusst hätte.

So gesellt sich also zu den täglichen elektronischen Obliegenheiten künftig der geschärfte Blick in das Fach mit den verfemten Mitteilungen: Prüfet, ob dort vielleicht ein Unschuldiger gefangen gehalten wird. Das mag unnötig Zeit kosten, ist aber vergleichsweise läppisch in Anbetracht der zahlreichen anderen modernen Plagen. Auf jeder dahergeströmten Internetseite werden einem inzwischen Kekse angeboten. Und haben Sie in jüngerer Zeit mal versucht, sich bei ihrem Onlinebanking einzuloggen? Allein das System zu verstehen: Fast könnte man seinen ganzen Moselurlaub damit verbringen.

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