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Als könne man eine Tür zuknallen lassen, ohne dass es staubt.

Times mager

Silvester

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Der letzte Tag im Jahr verabschiedet sich mit Pomp und unter Umständen, die ihm manche übel nehmen. Die Feuilleton-Kolumne.

Der 31. Dezember ist im Jahreslauf der Tag, der nicht nur einen kirchlichen Beinamen hat – Himmelfahrt, Fronleichnam, Heilige Drei Könige, Ostermontag, Wester-, äh, Aschermittwoch –, sondern einen richtigen, einen veritablen Vornamen (auch wenn es der eines Papstes ist, aber das weiß ja keiner mehr): Silvester. Wer würde sein Kind rufen „Heilige Drei Könige, Geschirr abtrocknen kommen, aber dalli“? Doch „Silvester, räum dein Zimmer auf“ klingt jetzt nicht so verkehrt und das „i“ darin trägt auch schön weit.

Durchaus könnte man meinen, der 31. bildet sich etwas ein auf diesen Namen, so entschieden, wie er als Letzter jeden Jahres auftritt, so hoch, wie er die Nase trägt. Und wenn nicht auf den Namen, dann doch auf seine große Aufgabe. Denn Silvester ist derjenige, der die eine Tür, „2019“ lautet diesmal ihre Aufschrift, beherzt zuschlägt (egal, ob da noch jemand die Finger dazwischen hat, darauf kann er jetzt keine Rücksicht nehmen), der dann den Schlüssel umdreht und das gleich für immer und ewig. Diese Tür kriegt keiner mehr auf.

Silvester ist außerdem der, der im selben Moment (denn Timing ist am 31. Dezember alles) die Tür daneben aufstößt. Obwohl keiner weiß, noch nicht mal er, was sich dahinter verbirgt. Es könnte ein entsprungener Zirkuslöwe sein. Der Osterhase persönlich mit randvollem Nougateier-Korb oder der Fleurop-Bote mit Veilchenstrauß. Es könnte Großcousin W. sein, der die Weihnachtsplätzchen mitbringt, die an den Feiertagen keiner mehr essen wollte. Oder Donald Trump mit seiner nagelneuesten Schirmmütze „Make America greater and greater againer and againer“.

Silvester ist zweifellos multitaskingfähig und hält sich zwar an die Spielregeln – zehn, neun, acht usw. –, aber er ist auch beileibe kein Zauderer. Wenn die Uhr Mitternacht schlägt, verabschiedet er sich mit Pomp und Umständen, Schall und Rauch, mit stinkenden und knallenden Umständen, damit man sich noch eine Weile an ihn erinnert.

Dass er es so gern stinken und knallen lässt, könnte für ihn freilich im neuen Jahrzehnt zum Problem werden. Nicht wenige rümpfen schon die Nase und murmeln etwas von Feinstaub. Als könne man eine Tür zuknallen lassen, ohne dass es staubt. Als könne man etwas in den Himmel schießen, ohne dass es siiiii... silvestert eben.

Sollte Silvester aber doch irgendwann auf alle Knalleffekte verzichten müssen, sei ihm zum Trost gesagt: Sein Tag ist auch der des Champagners und der der Aufforderung Entscheide-dich-endlich. Allerdings auch der des „Bitte nicht stören“. Wir würden es ihm nicht verdenken, wenn er angesichts eines solchen Schildes mal den Dienst verweigern und kurz an der Zeit ruckeln würde.

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