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Eine von Ottmar Hörls Wagner-Figuren, hier passend zum blauen Seidenkleid.

Times mager

Siegfried

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Siegfried rettet das Waldvögelchen aus dem Rachen des Krokodils. Die Dame von Welt lässt sich farblich passend vor einem Wagnerchen von Ottmar Hörl fotografieren. Und mehr vom "Siegfried" bei den Bayreuther Festspielen.

Das Publikum bei den Bayreuther Festspielen ist cooler, als viele meinen. Nicht nur unterscheidet sich das Hust- und Tuschel-Niveau kaum noch signifikant von anderen Wagner-Vorstellungen – der Respekt vor Wagner führt überall zu stillem Ersticken und Redestaus –, sondern auch das Geschehen auf der Bühne wird oft gefasst zur Kenntnis genommen. Erst im „Siegfried“ gab es zur zweiten Runde der Wiederaufnahme von Frank Castorfs „Ring“ einige Buhrufe. Nicht einen einzigen, das ist sensationell, für die Musiker. Kirill Petrenko, würde ich sagen, ist der einzige Bayreuther Dirigent der vergangenen Jahre außer Christian Thielemann, den purer Jubel überrollt (und Christian Thielemann gilt nicht, weil man dann auch gleich Richard Wagner ausbuhen könnte).

Nach dem ?Rheingold?-Krimi und der konzertanten ?Walküre? plus Filmaufführung murrte das Publikum nun aber. Lag es daran, dass Siegfried erst sorgfältig seine Handfeuerwaffe zusammensetzte, dann aber doch noch rasch Schmiedeware brauchte, um die in der Partitur geforderten Geräusche herzustellen? Zum Glück stand ein Schwert griffbereit um die Felsenecke. Oder lag es daran, dass zum Schlussduett Krokodile sich zur U-Bahn-Station Berlin Alexanderplatz vorwälzten, vorschlabberten, und das Waldvögelein verschlangen, welches von Siegfried an den Füßen wieder herausgezogen werden konnte? Tenor Lance Ryan hat im dpa-Interview auf die Frage, ob er verstehe, was Castorf von ihm wolle, die legendäre Antwort gegeben: Nee, eigentlich nicht. Die volle Wucht dieser Aussage erschließt sich, wenn man es selbst sieht.

Der Mann aus Philadelphia blieb indes die Ruhe selbst. Es sei doch konventionell, sehe man von der kommunistisch-kapitalistischen Dekoration ab, sagte er abgebrüht und weise. Zumal er es vorm Krokodil-Finale sagte. Und bevor Wotan die Spagetti-Mampferei-Zeche prellte, die Erda nach ihrem, äh, Blow-Job, zahlen musste. Also, da sind schon Ideen im Spiel.

Am freien Tag hat der Mann aus Philadelphia „Tannhäuser“ gesehen. Die Tickets ebenfalls online bestellt, reden wir nicht mehr davon. Aber die Produktion sei schwach, sagte er, man dürfe sie nicht zu sehr beachten. Aber der Beifall sei freundlich gewesen.

In den Pausen aßen die Besucher die zunehmend beliebten Festspielbratwürste. Sie fotografierten sich mit den dirigierenden Wagnerchens von Ottmar Hörl. Es gibt die Figuren in diversen Farben, so dass eine sicher zum Kleid passt. Aber sind die Menschen denn auch entrüstet? Nee, eigentlich nicht. Das allerdings wäre ja hundsgemein von ihnen.

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