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US-Präsidentenberaterin Kellyanne Conway erlangte mithilfe Alternativer Fakten schnell Berühmtheit.

Times mager

Der Siegeszug Alternativer Fakten

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Es gibt Fakten und Alternative Fakten. Müssten letztere nicht Lüge heißen? Nicht in den USA unter dem neuen Präsidenten Donald Trump.

In Frankfurt war es gestern angenehm, bei milden Temperaturen belebten sich die Straßencafés auf der Berger Straße. Die Redakteurin war pünktlich bei der Arbeit, wurde als Erstes von ihrem Chef über den grünen Klee gelobt – Details tun nichts zur Sache –, hatte gegen Mittag schon viel geschafft und so erneut dazu beigetragen, dass die verkaufte Auflage der FR scharf an den 950 000 kratzt. Die von der Presse beharrlich ignorierte Scheibenform der Erde hingegen hatte erneut zur Folge, dass etliche Personen über den Rand fielen. Dass die Erde in den Medien penetrant in Kugelform gezeigt wird, trägt wirklich nicht dazu bei, dass Menschen sicherer leben.

Das Langweilige beim ersten Modewort des jungen Jahres ist also, dass es zu einfach funktioniert. Es funktioniert nämlich immer. Das Postfaktische ist geradezu ein komplexes und widerspenstiges Gebilde gegen den Alternativen Fakt, am Wochenende von US-Präsidentenberaterin Kellyanne Conway in einem Interview eingeführt und seitdem auf weltweitem Siegeszug. Conway machte gleich vor, wie man die Wendung einsetzt: Jemand sagt etwas, dann sagt man etwas anderes, dann geht es noch ein bisschen hin und her, dann sagt man, das und das seien eben Alternative Fakten. Das Gegenüber in der Originalsituation, der Journalist Chuck Todd, zuckte noch etwas zusammen, fragte nach, was das denn sei. Es ist, was es ist, es ist das andere als das, was Fakt ist. Mit ein paar Stunden Abstand fragten erste verdatterte US-Kommentatoren, ob so etwas normalerweise nicht Lüge heiße. Nein, nein, das habe ich doch gerade erklärt.

Man muss dazu sagen, dass sich der Streit an der Größe der Besucherzahl bei der Vereidigung des neuen US-Präsidenten entzündete. Es gibt bekanntlich Luftaufnahmen, die zeigen, dass es nicht so voll war wie seinerzeit bei Barack Obama 2009. Natürlich ist das ärgerlich für einen nagelneuen US-Präsidenten, andererseits ist es auch unwesentlich. Nicht aber im vorliegenden Fall. Der Pressesprecher des nagelneuen US-Präsidenten verbrachte offenkundig nicht geringe Teile seiner ersten Pressekonferenz damit hervorzuheben, wie falsch die Medien über die Größe der Menschenmenge berichtet hätten. Die Medienvertreter schrieben fleißig mit und berichteten darüber.

Bald wird sich aber sicher alles aufklären. Dann werden wir wissen, dass der Pressesprecher in seiner ersten PK Pläne des neuen Präsidenten nach bestem Wissen umrissen und zahlreiche Fragen zur Außen- und Innenpolitik beantwortet hat. Hat man sich an die Alternativen Fakten erst gewöhnt, geht es wie von selbst.

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