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Shakespeare - oder: Die Stunde der Wahrheit

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Die Stunde der Wahrheit: Jetzt müsste man sofort anfangen, den Roman zu schreiben, den man immer schreiben wollte.

Kaum hatten die Theater des Broadway geschlossen, bekanntlich noch vor den Bühnen im Londoner Westend, wurden Rufe laut, jetzt sei der Augenblick gekommen – möge es ein Augenblick sein –, mit Muße und Verstand großartige neue Stücke zu schreiben. Nun dürfte es auf der einen Seite ungefähr das letzte sein, woran Leute jetzt denken: Endlich mit Muße und Verstand großartige neue Stücke zu schreiben. 

Auf der anderen Seite steht die englischsprachige Welt in dieser Sache unter stärkerem Druck. William Shakespeare als Maß aller literarischen Dinge war höchst kreativ in Jahren, in denen die Theater Großbritanniens mehr geschlossen als offen waren. „Denn das Unterbinden von Massenversammlungen war eines der wenigen effektiven Mittel, die Sterbezahlen niedrig zu halten“, so Neil MacGregor in seinem Buch „Shakespeares ruhelose Welt“. Nicht nur Shakespeare-Lyrik entstand in solchen Zeiten – sinnvoll für einen Dramatiker ohne Bühne –, sondern auch „Othello“, „König Lear“, „Antonius und Kleopatra“, „Coriolanus“ oder „Cymbeline“, wie der Autor aufzählt.

Schriftsteller werden in Zeiten von Corona

Warum ist es eigentlich ungefähr das letzte, woran Leute jetzt denken: Endlich mit Muße und Verstand großartige neue Stücke zu schreiben? Oder von mir aus ein Langgedicht? Oder natürlich eine Novellensammlung?

Das ist eine berechtigte Frage. Sie sticht direkt ins Herz des modernen Menschen, der bisher davon ausging, für das Verfassen eines einigermaßen interessanten Romans – und sei es ein Krimi, ja, vermutlich ging es um einen Krimi – fehle es ihm schlichtweg an Zeit. Er dürfe nicht ständig abgelenkt werden, müsse den Kopf freibekommen. Nicht für alle, weiß Gott nicht, aber für einige Schriftstellerinnen und Schriftsteller in spe dürfte die Stunde der Wahrheit gekommen sein.

Es geht um Corona - nicht um die Pest

Übrigens hat es etwas Tröstliches, dass die Pest (sie sei verflucht) von Shakespeare zwar erwähnt wird, aber selten folgenreich für die Dramaturgie der Handlung ist. Laut MacGregor die einzige Ausnahme: In „Romeo und Julia“ – ja, ebenfalls kurz nach einer Ansteckungswelle entstanden, aber einer früheren – bleibt der Brief, der Romeo erläutert hätte, dass Julia lebt, in einem in rigorose Quarantäne versetzten („versiegelten“) Haus stecken.

Auch wenn jeder verstanden hat, dass esderzeit nicht um die Pest (sie sei verflucht) geht, wirklich nicht, so bleibt unsereiner jetzt doch an MacGregors Kapitel „Die Pest und die Theater“ kleben. „Auch wenn die Epidemie 1604 abebbte, blieben die Einschränkungen des Theaterbetriebs sporadisch bis 1610 in Kraft – zwischen Juli 1606 und Anfang 1610 beispielsweise gab es nur eine kurze Wiederaufnahme des Betriebs, im Frühjahr 1608.“

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