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Von: Judith von Sternburg

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60. Jahrestag des ARD-Krimimehrteilers "Das Halstuch"
Fegten 1962 die Straßen: Kriminalinspektor Harry Yates (Heinz Drache, rechts) und der Maler John Hopedean (Dieter Borsche) in einer Szene des sechsteiligen ARD-Krimis „Das Halstuch“ nach einem Roman von Francis Durbridge. © KPA/dpa

Als das Wort Straßenfeger aufkam und ein Kabarettist einen fatalen Scherz machte.

Bis heute scheitern viele Menschen, die sich die Serie „Breaking Bad“ ansehen wollen, an der frühen Szene, in der der unaufmerksame Schüler und bisherige Kleinkriminelle Pinkman eine Leiche in Säure auflösen soll. Er hört nicht auf seinen bislang unbescholtenen, nun aber tief hineingeratenen Chemielehrer und nimmt den falschen Untergrund. Die Säure frisst sich durch die Zimmerdecke, es ist ein Desaster. Da man nun vermutlich beim ersten, vielleicht aber auch beim zweiten und, wenn man eine Pimpernelle ist oder neben sich hat, noch beim dritten Mal entsetzt abschaltet und ein paar Monate verstreichen lässt, sieht man diese grausige Szene also bis zu vier Mal, bis man endlich über sie hinwegkommt. Die Hartgesottenen und auch fast alle anderen haben längst sämtliche Folgen gesehen und wollen über etwas anderes reden.

Das war früher offensichtlich einfacher. Die sensationelle erste Staffel „Kommissarin Lund – Das Verbrechen“ war vor 14 Jahren noch Redaktionsgespräch, und wer den Anschluss verpasst hatte, musste sich nach der letzten Folge die Ohren zuhalten. Die Einschaltquote für den erfolgreichsten der sogenannten Durbridge-Krimis, „Das Halstuch“, lag 1962 bei 89 Prozent. Hier kam die Wendung Straßenfeger auf, und das öffentliche Leben stand an den Abenden der Ausstrahlung still. Dass der Kabarettist Wolfgang Neuss vorab den Namen des Täters in einer Zeitung (!) annoncierte (!), soll Morddrohungen zur Folge gehabt haben. Unvernünftige Späße und verbissene Reaktionen sind nicht nur ein vom Internet beflügelter Zug unserer Tage. Und das Jahr 1962 („Vaterlandsverräter“, liest man, schrieb die damals noch einflussreiche „Bild“) war zudem weit dichter am Jahr 1954 als wir heute. 1954 spielt die nagelneue ARD-Produktion „Bonn“ und zeigt, wie bei einer Karnevalssitzung noch nicht so ohne weiteres zu unterscheiden ist, ob das nun ein Narren- oder Hitlergruß ist. Beides haben die Leute hier allemal intus.

Dies nur, um ein topaktuelles Beispiel zu nennen (in Kürze mehr dazu) und ein einziges Mal in diesem Times mager vor die Bugwelle der Serienereignisse zu kommen.

Denn jetzt „Better Call Saul“ zu gucken, ist auch nicht gerade Avantgarde. „Better Call Saul“ erzählt vornehmlich von der Zeit vor „Breaking Bad“, das Drehbuch ist so gut, dass es rätselhaft erscheint, warum es so viele schlechte Drehbücher gibt, wenn es dem Menschen doch auch möglich ist, so etwas zu erdenken und sogar kommerziell verwertbar umzusetzen. Man könnte den Glauben an die Unterhaltungsindustrie zurückgewinnen, während man einsam, sehr einsam vor dem Bildschirm sitzt.

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