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Christa Wolf 1989 in der Ostberliner Erlöserkirche. Bereits 1960 hatte die Schriftstellerin begonnen, ihren persönlichen 27. September zu beschreiben, und setzte das bis zu ihrem Tod im Jahr 2011 fort.

Times mager

27. September

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Tagebuchschreiben an einem Tag im Jahr: Christa Wolf, die diesem Aufruf über Jahrzehnte hinweg folgte, hatte 1989 besonders Bewegendes zu notieren. Die Feuilleton-Kolumne.

Natürlich soll man sich nicht so ernst nehmen. Oder doch, warum nicht, aber zur Belehrung fallen uns dann sofort wieder die Sätze ein, mit denen Roland Schulz sein Buch „So sterben wir“ (Piper 2018) beendet: „Der letzte Mensch, der sich an dich erinnerte, ist tot. Und mit seinem Tod ist deiner vollkommen, weil du vollständig in Vergessenheit fällst, wie alle anderen vor dir.“ Aus dem Zusammenhang gerissen, wird einem die Wucht dieser Sätze vielleicht nicht bewusst. Erst recht nicht angesichts des reichen Innenlebens, der vielen lieben Freunde, der aufregenden Zeitläufte, des bevorstehenden Wochenendes und so weiter. Aber wir schweifen ab. Natürlich soll man sich nicht so ernst nehmen, jedoch: Ein Tagebuch zu führen ist ein guter Kompromiss. Ein Tagebuch wird nicht in die Welt hinausposaunt, aber nun steht einmal da, was wichtig war. Es stünde einmal da, war wichtig war, hätte man beizeiten angefangen.

Auch heute könnte es so weit sein. In zehn Jahren hat man etwas davon, und in dreißig können es die Nichten lesen. Falls es sie interessiert. Denn heute ist der 27. September. Der 27. September ist der Tag, an dem die Schriftstellerin Christa Wolf jahrzehntelang Tagebuch führte. Einen Tag im Jahr Tagebuch zu führen. Aus dem Zusammenhang gerissen, wird einem die Genialität dieses Projektes vielleicht nicht bewusst. Aber bei der Lektüre von „Ein Tag im Jahr“ (Luchterhand 2003) entfaltet sie sich, zumal in einem Tagebuch jedem selbst überlassen ist, was er schreibt. Wolf war es am 27. September 1989 allerdings vielleicht nicht ganz selbst überlassen. Zu übermächtig die Ereignisse, zu sehr alles im Fluss.

Die Wolfs haben Gäste aus dem Westen – Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher – in ihrem Sommerhaus in Woserin. „Die Nachrichten schildern eine Lage, die sich immer weiter zuspitzt“, und sie reden über Politik. „Der Staat Bundesrepublik, sagte Otl, sei vielleicht eine demokratische Demokratie, aber (…) keine Demokratie der Menschenrechte, sondern eine Demokratie, die den Besitz und den Konsum schätze. Den Überkonsum inzwischen – der werde benötigt, um das Räderwerk der Ökonomie am Laufen zu halten.“ Er stellt sich vor, dass eine bevorstehende „Umwandlung“ der DDR auch die „Rettung“ der Bundesrepublik „formulieren“ könnte. Am Ende sagt er: „Wenn allerdings zwei große, in ihren Bedürfnissen unreife Bevölkerungsgruppen in Ost und West aufeinandertreffen und sich womöglich vereinigen wollen oder sollen – was dann geschieht, das wage ich mir nicht auszumalen. – Das müsse er sich auch nicht ausmalen, sagen wir. In dieser Nacht liege ich lange wach.“

Vielleicht wegen der Gäste schreibt Wolf in diesem Jahr, 1989, erst am 29. September alles auf, da wollen wir ehrlich sein. Auch wir könnten also noch bis Sonntag einsteigen, anfangen, endlich.

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