1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Sepp

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Im Dom werden tausend Jahre alte Gewänder der heiligen Kunigunde ausgestellt.
Im Dom werden tausend Jahre alte Gewänder der heiligen Kunigunde ausgestellt. © Imago

In B. kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Und geschenkt kriegt man auch einiges.

Zurück nach B. in Franken. Vorige Woche war die Frage, ob man überhaupt dorthin gelangt, wenn der vollgepackte Kleinwagen erst gar nicht anspringt. Dazu später mehr. Zunächst aber muss vom Einzelhandel jener Stadt geschwärmt werden.

Im Kaufhaus mit integrierter Gastronomie beispielsweise, das man kurz vor Ladenschluss aus Mangel an Mostrich ansteuert, läuft es so: „Pardon, werte Kaufhausrestaurantkassiererin, mir fehlt nur der Senf zur Bratwurst, daher wollte ich …“ – „Wir verkaufen keinen Senf.“ – „Oh.“ – „Wir verschenken ihn nur.“

Glücklich verlässt der Kunde mit drei Tütchen Senf das Haus. Doch woher hat er die passenden Bratwürste? Auch geschenkt bekommen, vom Metzger Hornung, der seine Gabe mit den Worten garniert: „Nachher hätt ich’s eh weggeschmissen.“ Noch rührender sind nur die Damen beim Kapuzinerbeck, die nicht nur an diesem Abend ein halbes Hörnchen gratis in die Brötchentüte schmuggeln, sondern jeden Tag eine Kleinigkeit hinzutun. Das Leben muss schön sein in B.

Bekanntlich lebt dort auch eine wolkenweiße Gans in einer Stockentenfamilie, und wer sie ein wenig flussaufwärts begleitet, erfährt dort, beim örtlichen Fischereibetrieb, sogar den Namen: „Wir sagen Sepp.“ Man glaube freilich, dass es sich auch bei Sepp um eine Ente handle, eine sehr stattliche halt. Aber ich bitte Sie, eine Ente, viermal so groß wie alle anderen?

Noch weiter flussaufwärts ist am Abend eine Podiumsdiskussion, die der Hörfunk live überträgt. Ehe es losgeht in der Villa Concordia, sitzen sich Podium und Publikum schweigend gegenüber und hören gemeinsam die 19-Uhr-Nachrichten über Saallautsprecher. „… damit, so wörtlich, Herr Söder das Scheinwerferlicht allein genießen darf“, zitiert der Mann im Radio aus dem Streit über den Termin der Ministerpräsidentenwahl. Alle kichern. Später charakterisiert das Podium B. als „eine unbombardierte Stadt“, „eine schöne Stadt, in der man im Mittelalter Frauen verbrannt hat“ und eine Stadt, „in der nicht jeden Abend eine Konfettikanone explodiert“.

Droben im Museum neben dem Dom werden tausend Jahre alte Gewänder der heiligen Kunigunde und diverser Päpste ausgestellt (1000 Jahre und immer noch tipptopp!) sowie das Haupt des heiligen Dionysius. Das echte Haupt? Ziemlich sicher, sagt die Aufsicht, aber wenn etwas nachweislich auch nur in Kontakt geraten sei mit einem Heiligen, gelte auch dies schon als Reliquie.

Man kommt aus dem Staunen nicht heraus in B., und wenn man vorher nicht drei Tage die Innenbeleuchtung seines Kleinwagens brennen lässt, kommt man auch problemlos dorthin.

Auch interessant

Kommentare