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„Geschenksendung, keine Handelsware“. Im Gegenzug kamen Goethe, Schiller und andere Klassiker.

Times mager

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Nicht nur Kaffee, Schokolade und Strumpfhosen passierten auf dem Postwege die deutsch-deutsche Grenze. Auch Musik vom Klassenfeind erreichte unbeanstandet das Ziel in der DDR.

Von den „etwa 1000 Tonnen Kaffee“, die laut Wikipedia pro Jahr vom Westen in die DDR geschickt wurden, sind einst nicht wenige Kilo in P. im Bügelkeller der Familie S. sorgfältig eingepackt worden. Dies auf dem großen Bügeltisch, wo Packpapier, Paketband, Schere, Filzstift (für die keinesfalls zu vergessende Aufschrift „Geschenksendung, keine Handelsware“) stets bereit lagen. Das Kind verfolgte den Vorgang durchaus mit Interesse, ohne ihn recht zu verstehen. Das heißt, es verstand wohl, dass die Pack-Sache heikel war, dass außerdem die Verwandten in der „Zone“ (wo und was auch immer die „Zone“ war) ein Getränk, von dem Erwachsene viel hielten (das Kind hatte keine Meinung dazu), nicht einfach in einem Laden wie dem der E.s, grad fünf Minuten die Straße hoch und ums Eck, kaufen konnten. Und dass diese Verwandten auch nicht mal mit dem Auto vorbeikommen und ein paar Packungen mitnehmen konnten.

Manchmal meinte das Kind, man hätte die Onkel, Tanten, Kusinen doch nur einzuladen brauchen. Aber das schien seltsamerweise nicht zu geschehen.

Was das Kind verstand, war der zum Kaffee gepackte kleine Stapel Schokoladentafeln. Aber dann wieder: Feinstrumpfhosen? Na ja. Das Kind kannte allerdings auch nicht die staatlichen Hinweis-Zettel für Sendungen in die DDR, die an Postschaltern und vielleicht auch an denen von P. gelegen sein müssen: „Begehrt ist alles, was ,etwas Farbe in den grauen Alltag‘ bringt. Sie (die Bürger der DDR) möchten endlich auch an den Annehmlichkeiten des Lebens teilnehmen und sich an etwas freuen, was nicht unbedingt zum primitiven Lebensbedarf gehört.“ Primitiv? Man wusste gegen den Osten Seitenhiebe auszuteilen.

Einmal fuhr das Kind mit zu Besuch „nach drüben“, spürte die Angst des Vaters an der Grenze, bekam aber bei den Verwandten Ost-Schokolade angeboten.

Noch etwas später hatte die Jugendliche einen Brieffreund. Der schrieb gleich sehr direkt, dass es ihm um einen Sendungs-Austausch gehe, dass er als erstes gern eine Platte von Bob Dylan hätte. Er könne im Gegenzug Klassikerausgaben schicken. Die Jugendliche hatte große Zweifel, dass Dylan den Zoll passieren würde, „Geschenksendung, keine Handelsware“ hin oder her. Doch mindestens ein Dutzend Platten mit US-amerikanischer Musik – Musik vom Klassenfeind, man denke! – erreichte nach und nach und unbeanstandet das Ziel. Dafür kamen Goethe, Schiller, andere, sie standen schon bei den Eltern im Regal. Aber hätte man schreiben sollen: Spar Dir das Geld? Und womöglich Gefühle verletzen?

Irgendwann herrschte plötzlich Schweigen, da war es noch eine ganze Weile nicht 1989. Die junge Frau war doch etwas gekränkt.

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