+
Der Rahmen im Städel steht eigentlich für den Verlust des „Bildnis des Dr. Gachet“.

Times Mager

Selfieverrückt

  • schließen

Wenn man sah, wie in Frankfurts Städel Museum Menschen in einen Bilderrahmen ihre Köpfe steckten, in einen leeren Rahmen, um ein Gesicht zu machen, als handele es sich um ein Selbstporträt, war das nicht nur banal.

Wie banal. Wobei, Banalität ist eine heikle Kategorie, die irgendwann auch die Museen heimgesucht hat, weil nicht einmal die Künste Einwände hatten, im Gegenteil. Doch wenn man zuletzt (auf einem Foto) sah, wie in Frankfurts Städel Museum Menschen in einen Bilderrahmen ihre Köpfe steckten, in einen leeren Rahmen, um ein Gesicht zu machen, als handele es sich um ein Selbstporträt, war das allerdings nicht nur banal.

Natürlich ließe sich rufen: erkannt, Selfie! Denn darauf hat sich die Menschheit seit geraumer Zeit verständigt, dass ein jedes Subjekt von sich im Laufe seines Lebens acht bis neun Milliarden Selfies macht, mindestens, Stand heute. Kam also nicht so drauf an, wenn ein Subjekt ein Selfie auch in Frankfurts Städel von sich machte? In einem Neo-Rokoko-Bilderrahmen, also einem Passepartout, den ein van Gogh übrigens überhaupt nicht leiden konnte. Der leere Rahmen, als Ausstellungsstück gedacht, um in der Van-Gogh-Schau eine Leerstelle anzuzeigen, nämlich einen Verlust, wurde flott umgenutzt.

Im Jahr 1912 kam das „Bildnis des Dr. Gachet“ ins Städel, Georg Swarzenski hatte es erworben, das Bild wurde zu einer Hauptattraktion des Museums – seit 1933 jedoch zu einem Hauptziel der nationalsozialistischen Aggression, als die Nazis die Werke van Goghs als „entartet“ denunzierten, gleichwohl aber mit ihnen Geschäfte machten, auch 1937 mit dem Gachet-Bild, als Hermann Göring es seiner Raubkunstsammlung (von wegen Privatsammlung) einverleibte, um es weiterzuveräußern. Das Bild, obwohl dann 1990 zu einem Rekordpreis versteigert, hängt heute in einer Privatsammlung, der Öffentlichkeit entzogen. Diese Geschichte, eine Verlustgeschichte, eine NS-Raubkunstgeschichte, wird in der Ausstellung ausführlich erzählt – und dazu dient auch der Rahmen, der in dem Swarzenski gewidmeten Kabinett einen Verlust markieren soll.

Fotos aus den ersten Ausstellungstagen zeigten, wie Besucher die bewusst in Szene gesetzte Leerstelle zu einer Selfie-Produktionsstation umfunktionierten, zu einer fröhlichen Fotostation, zu einem Passepartout selbstvergessener Geschichtsvergessenheit. Die ins Bild einer allgemeinen Ignoranz passt, die sich sagt: geht doch. Passt schon. Wir sind dabei. Nein, passt partout nicht, deshalb hat das Städel reagiert mit einer Information, angebracht am Sockel eines Ausstellungsstücks, wie das Städel betont. Angesichts einer dermaßen fidelen Indolenz möchte man den Rahmen allerdings regelrecht eingehegt sehen als Gedächtnisort.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion